Neulich saßen wir abends auf dem Sofa, und ich hatte gerade wieder diese eine Jacke an. Diese dunkelgrüne, die ich jetzt seit etwa einem Jahr trage. Markus sah mich an und meinte: „Weißt du eigentlich noch, wie sehr du dich am Anfang dagegen gewehrt hast, dir so was zu kaufen?“ Ich musste lachen, weil — ja, natürlich wusste ich das noch. Wir hatten damals einen ziemlich langen Nachmittag in diesem einen Laden verbracht, und ich stand vor dem Spiegel und sagte immer wieder: „Das ist doch nicht mein Stil.“
Und jetzt ist es genau das. Mein Stil. Ich trage diese Jacke ständig. Sie fühlt sich an wie ein Teil von mir, und ich kann mich ehrlich gesagt kaum noch erinnern, wie es vorher war. Was ich früher als „meinen Stil“ bezeichnet hätte, wirkt jetzt merkwürdig fremd, wenn ich alte Fotos sehe.
„Was meinst du damit, ’nicht dein Stil‘?“, hatte Markus damals gefragt, während ich zum dritten Mal die Jacke an- und wieder auszog. „Ich meine, du magst doch die Farbe. Du findest sie bequem. Was fehlt?“
„Ich weiß nicht“, hatte ich gesagt. „Es fühlt sich einfach nicht nach mir an.“
Aber was war denn dieses „Ich“? Diese Frage hat mich dann tagelang beschäftigt, auch wenn ich sie damals nicht laut gestellt habe. Ich hab die Jacke dann doch gekauft, weil Markus irgendwann meinte: „Vielleicht fühlst du dich ja gerade deshalb komisch, weil es neu ist. Nicht weil es nicht zu dir passt.“ Und irgendwie hatte er recht. Nach ein paar Wochen war die Jacke einfach… da. Teil meines Alltags. Teil dessen, wie ich mich anziehe, wenn ich nicht groß nachdenke.
Diese Geschichte ist mir wieder eingefallen, als wir vor ein paar Tagen mit Freunden beim Essen saßen, und Lisa erzählte, dass sie überlegt, mit dem Laufen anzufangen. „Aber ich bin einfach kein Sportmensch“, sagte sie, mit dieser Endgültigkeit in der Stimme, die ich nur zu gut kenne. „Das war ich noch nie. Das liegt mir nicht.“
Markus und ich haben uns kurz angesehen, und ich weiß, wir haben beide dasselbe gedacht. Wie oft sagen wir solche Sätze? „Ich bin kein Morgenmensch.“ „Ich kann nicht kochen.“ „Ich bin nicht gut mit Menschen.“ Als wären das geologische Formationen in uns, unveränderbar, seit Jahrmillionen in Stein gemeißelt.
Als wir später nach Hause fuhren, haben wir darüber gesprochen. Markus meinte, er hätte früher auch immer gesagt, er sei kein kreativer Mensch. „Erinnerst du dich? Als wir uns kennengelernt haben, habe ich das ständig betont. Dass ich logisch denke, strukturiert, aber nicht kreativ.“ Und jetzt sitzt er manchmal stundenlang an irgendwelchen Projekten, bastelt, probiert Dinge aus, verliert sich darin. Wenn man ihn heute fragen würde, ob er ein kreativer Mensch ist — ich weiß nicht, was er antworten würde. Aber ich weiß, dass er diese Projekte macht, dass sie ihm wichtig sind, dass etwas in ihm in diesen Momenten lebendig wird.
Ich habe dann angefangen, darüber nachzulesen, weil mich das Thema nicht mehr losgelassen hat. Diese Frage, ob wir uns entdecken oder ob wir uns erschaffen. Und interessanterweise gibt es dazu ziemlich viele Gedanken, aus ganz unterschiedlichen Richtungen.
Die Psychologie zum Beispiel spricht von etwas, das sie „narrative Identität“ nennen. Die Idee dahinter ist, dass wir unsere Identität im Grunde wie eine Geschichte konstruieren. Wir nehmen Ereignisse aus unserem Leben, fügen sie zusammen, geben ihnen eine Bedeutung, und daraus entsteht dann so etwas wie ein Selbstbild. Aber — und das finde ich den interessanten Teil — diese Geschichte ist nicht einfach eine objektive Aufzeichnung von dem, was passiert ist. Wir wählen aus, was wichtig erscheint. Wir interpretieren. Wir verbinden Dinge miteinander, die vielleicht gar nicht so direkt zusammenhängen.
Ich habe das an mir selbst bemerkt, als wir neulich alte Fotoalben durchgesehen haben. Da war dieses Bild von einem Urlaub, den wir vor Jahren gemacht haben, und ich hatte eine ganz klare Erinnerung daran, wie dieser Urlaub war. Entspannt, schön, genau das Richtige. Aber Markus erinnerte sich daran, dass wir uns zwischendurch ziemlich gestritten hatten, dass es Momente gab, in denen wir beide am liebsten nach Hause gefahren wären. Und plötzlich kamen diese Erinnerungen auch bei mir wieder hoch. Aber sie waren irgendwie… verschwunden gewesen. Nicht vollständig gelöscht, aber auch nicht Teil der Geschichte, die ich mir über diesen Urlaub erzählt hatte.
Das hat mich ins Grübeln gebracht. Wenn ich mir selbst über mich Geschichten erzähle, über die Dinge, die mich ausmachen — wie wahr sind die dann? Und wenn ich sage „Ich bin so und so“, ist das dann eine Beschreibung oder eher eine Festlegung?
Es gibt in der Philosophie diese alte Debatte zwischen Essenzialismus und Existenzialismus. Die Essenzialisten würden sagen, es gibt so etwas wie ein Wesen, eine Essenz, die uns ausmacht. Etwas, das schon da ist, bevor wir uns selbst kennengelernt haben. Man könnte das vielleicht mit einem Kern vergleichen — etwas Stabiles, Unveränderliches in der Mitte von allem, was sich drumherum bewegt und verändert.
Die Existenzialisten sehen das anders. Besonders Sartre hatte da diese berühmte Formulierung: „Die Existenz geht der Essenz voraus.“ Das heißt, wir sind erst einmal da, wir existieren, und dann — durch unsere Handlungen, unsere Entscheidungen, die Art, wie wir leben — erschaffen wir das, was wir sind. Es gibt keinen versteckten Kern, den wir nur finden müssen. Es gibt nur das, was wir tun, und daraus entsteht dann, wer wir sind.
Ich finde beide Gedanken auf ihre Art faszinierend. Und ehrlich gesagt auch beide ein bisschen beunruhigend.
Die Idee von einem festen Kern, von etwas Unveränderlichem in uns — das hat etwas Beruhigendes. Es bedeutet, dass es da etwas gibt, das bleibt, egal was passiert. Etwas, zu dem wir zurückkommen können, wenn alles andere durcheinandergerät. Aber es bedeutet auch, dass wir irgendwie festgelegt sind. Dass es Grenzen gibt für das, was wir sein können, was wir werden können.
Die andere Idee, dass wir uns selbst durch unser Leben erschaffen — das hat etwas Befreiendes. Es bedeutet, wir sind nicht festgelegt. Wir können uns verändern, neu erfinden, andere Wege gehen. Aber es bedeutet auch, dass es keine Ausreden gibt. Keine Möglichkeit zu sagen: „So bin ich eben.“ Es bedeutet Verantwortung, und manchmal fühlt sich das ziemlich schwer an.
Markus und ich haben darüber gesprochen, und er meinte, vielleicht ist es auch gar nicht so ein Entweder-oder. Vielleicht gibt es beides. Vielleicht haben wir so etwas wie Neigungen, Vorlieben, Temperamente, die ziemlich stabil sind. Manche Menschen sind einfach sensibler, andere robuster. Manche sind geselliger, andere brauchen mehr Zeit für sich. Das ist vermutlich teilweise angeboren, teilweise früh geprägt, und es ändert sich nicht grundlegend.
Aber innerhalb dieses Rahmens, da passiert wahnsinnig viel. Da ist Gestaltung möglich, da können wir uns entwickeln, ausprobieren, verändern. Vielleicht ist es wie bei einem Musikinstrument — das Instrument hat bestimmte Eigenschaften, bestimmte Klangmöglichkeiten. Aber was für Musik darauf gespielt wird, das entsteht erst im Spielen.
Ich mag dieses Bild. Es fühlt sich für mich stimmig an, weniger absolut als beide Extreme.
Was mich dabei auch beschäftigt, ist diese Frage nach Authentizität. „Sei du selbst“ — wie oft hören wir das? Es klingt nach einer einfachen Aufforderung, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto komplizierter wird es. Was heißt das denn, ich selbst sein? Wenn sich das, was ich bin, durch mein Leben formt und verändert, welches „Selbst“ soll ich dann sein? Das von gestern? Das von heute? Das, was ich vielleicht morgen sein werde?
Es gibt Studien aus der Entwicklungspsychologie, die zeigen, dass Menschen sich im Lauf ihres Lebens tatsächlich ziemlich stark verändern. Nicht nur oberflächlich, sondern auch in grundlegenden Persönlichkeitszügen. Jemand, der mit zwanzig ängstlich und zurückhaltend war, kann mit vierzig selbstbewusst und offen sein. Jemand, der früher impulsiv war, kann später bedacht und überlegt handeln. Die Persönlichkeitspsychologie hat dafür sogar einen Begriff: „Persönlichkeitsentwicklung über die Lebensspanne.“ Das heißt, wir bleiben nicht einfach gleich. Wir verändern uns, manchmal sogar ziemlich fundamental.
Aber wir merken diese Veränderungen oft gar nicht, während sie passieren. Ich habe das bei mir selbst erlebt. Es gibt Dinge, die ich früher nie gemacht hätte, die mir vollkommen fremd erschienen wären. Und heute mache ich sie, ohne groß darüber nachzudenken. Die Jacke ist so ein Beispiel, aber es gibt größere. Die Art, wie ich mit Konflikten umgehe, zum Beispiel. Früher bin ich allem aus dem Weg gegangen, habe geschwiegen, habe Dinge runtergeschluckt, weil ich dachte, das sei halt so, wie ich bin. Konfliktscheu. Harmoniebedürftig. Und irgendwann — ich weiß nicht genau, wann das angefangen hat — habe ich gemerkt, dass ich Sachen anspreche. Dass ich Grenzen setze. Nicht aggressiv, nicht laut, aber klar. Und das fühlt sich inzwischen viel natürlicher an als das Schweigen von früher.
War ich früher nicht „ich selbst“? Bin ich es jetzt? Oder sind das beides verschiedene Versionen von mir, beide authentisch für ihre jeweilige Zeit?
Wir haben auch mit unseren Kindern darüber gesprochen, neulich, als wir alle zusammen beim Abendessen saßen. Unser Sohn meinte, er würde sich gerade sehr verändert fühlen, seit er an der Uni ist. Neue Leute, neue Umgebung, andere Erwartungen. „Manchmal frage ich mich, ob ich mich nur anpasse oder ob ich mich entwickle“, sagte er. Und das hat mich getroffen, weil — ist das nicht genau die Frage? Wo ist die Grenze zwischen beidem?
Die Soziologie würde sagen, dass wir uns immer in einem sozialen Kontext bewegen. Dass das, was wir als unser „Selbst“ empfinden, nie komplett unabhängig von unserer Umgebung ist. Wir sind immer auch ein Produkt der Beziehungen, in denen wir leben, der Kultur, in der wir aufwachsen, der Erwartungen, die an uns herangetragen werden. Der Soziologe George Herbert Mead hat das mal so beschrieben, dass das Selbst ein soziales Konstrukt ist, das erst in der Interaktion mit anderen entsteht. Wir lernen, wer wir sind, indem wir sehen, wie andere auf uns reagieren.
Das klingt erst mal vielleicht ein bisschen entfremdend, so als hätten wir gar keine eigene Identität. Aber ich finde, es erklärt auch viel. Zum Beispiel, warum wir uns in verschiedenen Kontexten unterschiedlich verhalten. Ich bin nicht die gleiche Person im Beruf, wie ich es zu Hause bin. Nicht komplett anders, aber doch verschieden. Mit meinen Eltern bin ich anders als mit unseren Kindern, mit Markus anders als mit Freunden. Und keine dieser Versionen ist weniger „echt“ als die andere. Es sind nur verschiedene Facetten, die in verschiedenen Kontexten zum Vorschein kommen.
Manchmal frage ich mich, ob das, was wir als Authentizität suchen, nicht vielleicht einfach eine innere Stimmigkeit ist. Ein Gefühl von: Das passt zu mir, so wie ich jetzt bin, in dieser Situation, mit diesen Menschen. Nicht ein fester Zustand, sondern eher ein Zustand des Einverstandenseins mit sich selbst.
Es gab mal eine Phase, da habe ich mich ziemlich unwohl gefühlt mit mir. Das war nach einer größeren Veränderung im Beruf. Ich hatte eine neue Position übernommen, und plötzlich musste ich Dinge tun, die mir fremd waren. Präsentationen halten vor großen Gruppen zum Beispiel. Entscheidungen treffen, die andere betrafen. Ich fühlte mich wie eine Betrügerin, wie jemand, der nur so tut, als würde er in diese Rolle passen. Das Impostor-Syndrom, nennen das die Psychologen. Dieses Gefühl, dass man jeden Moment auffliegen könnte, dass alle merken würden: Die gehört hier nicht hin.
Aber mit der Zeit hat sich das verändert. Nicht, weil ich plötzlich eine andere Person geworden bin, sondern weil ich gemerkt habe, dass die Rolle sich nicht mehr fremd anfühlt. Dass ich hineingewachsen bin. Dass Dinge, die anfangs unnatürlich erschienen, jetzt selbstverständlich sind. Ich bin nicht mehr die Person, die ich vor dieser Veränderung war. Aber ich bin auch nicht jemand komplett anderes. Ich bin… gewachsen. Das Wort passt besser als „verändert“.
Markus hatte so einen Moment, als er angefangen hat, sich mit Fotografie zu beschäftigen. Am Anfang fühlte sich das für ihn wie ein Hobby an, wie etwas, das er „nebenbei“ macht. Aber über die Jahre ist es zu einem Teil von ihm geworden. Er sieht die Welt jetzt anders, achtet auf Licht, auf Perspektiven, auf Momente. Wenn wir spazieren gehen, bleibt er plötzlich stehen, weil irgendwas seine Aufmerksamkeit gefangen hat. Früher hätte er gesagt: „Ich bin kein Künstler.“ Heute würde er das wahrscheinlich nicht mehr sagen. Nicht, weil er sich jetzt als Künstler definiert, sondern weil die Kategorie nicht mehr relevant ist. Er macht, was er macht, und das ist Teil dessen, wer er ist.
Es gibt diese Studien zur Selbstwahrnehmung, die zeigen, dass Menschen sich oft anders sehen als andere sie sehen. Wir haben alle blinde Flecken, Dinge an uns, die für andere offensichtlich sind, die wir selbst aber nicht wahrnehmen. Und manchmal ist es umgekehrt — wir halten Dinge für zentral für unsere Identität, die für andere kaum auffallen. Das fasziniert mich, weil es zeigt, wie subjektiv das Ganze ist. Was wir als unser „wahres Selbst“ empfinden, ist auch eine Art Interpretation. Eine Geschichte, die wir uns über uns erzählen.
Aber bedeutet das jetzt, dass es egal ist, was wir tun? Dass wir uns beliebig neu erfinden können? Ich glaube nicht. Es gibt schon so etwas wie Kontinuität. Wenn ich zurückschaue auf die letzten zwanzig, dreißig Jahre, dann sehe ich eine Entwicklung, aber keine komplette Diskontinuität. Es gibt Fäden, die sich durchziehen. Werte, die geblieben sind. Dinge, die mir wichtig waren und immer noch wichtig sind. Vielleicht ist das der Kern, von dem manche Philosophen sprechen — nicht eine feste Essenz, aber so etwas wie ein roter Faden, der sich durch die verschiedenen Versionen von mir hindurchzieht.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Großmutter, kurz bevor sie gestorben ist. Sie war damals schon sehr krank, und wir saßen zusammen in ihrem Zimmer, und sie erzählte von früher. Von ihrer Kindheit, ihrer Jugend, ihren ersten Jahren als Erwachsene. Und irgendwann sagte sie: „Weißt du, ich bin im Grunde immer noch das kleine Mädchen von damals. Ich fühle mich nicht alt. Ich fühle mich wie ich, nur dass der Körper nicht mehr mitspielt.“ Das hat mich damals berührt und tut es immer noch, wenn ich daran denke. Diese Kontinuität des Selbstempfindens, trotz aller äußeren Veränderungen.
Aber gleichzeitig weiß ich, dass meine Großmutter sich sehr verändert hatte im Lauf ihres Lebens. Sie hatte Kriege erlebt, Verluste, Neuanfänge. Sie war nicht mehr die gleiche Person, die sie mit zwanzig gewesen war. Aber offenbar gab es trotzdem etwas, das sich für sie konstant anfühlte. Ein Gefühl von „Ich-sein“, das die Veränderungen überdauerte.
Vielleicht ist das, was wir suchen, wenn wir von „uns selbst“ sprechen, genau das. Nicht ein fester Zustand, nicht eine unveränderliche Essenz, aber auch nicht pure Beliebigkeit. Sondern ein Gefühl von Kohärenz. Eine Geschichte, die Sinn ergibt, auch wenn sie sich unterwegs verändert. Eine Melodie, die sich entwickelt, aber trotzdem erkennbar bleibt.
Ich habe neulich etwas gelesen über Narrative und Identität, und da stand ein Satz, der mich zum Nachdenken gebracht hat: „Wir sind nicht, wer wir sind, sondern wer wir werden.“ Das klingt erst mal paradox, aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fühlt es sich richtig an. Identität ist kein Zustand, sondern eine Bewegung. Ein Prozess, der nie wirklich abgeschlossen ist.
Das nimmt Druck raus, finde ich. Diese Vorstellung, dass ich irgendein perfektes „wahres Selbst“ finden muss, das die ganze Zeit schon irgendwo in mir vergraben liegt — die hat mich früher ziemlich unter Stress gesetzt. Was, wenn ich es nicht finde? Was, wenn ich das Falsche lebe, die ganze Zeit? Aber wenn ich es als Prozess sehe, als etwas, das sich entwickelt und formt, dann ist der Druck weg. Dann gibt es keine „falsche“ Version von mir, nur verschiedene Phasen, verschiedene Entwicklungen.
Markus sagt manchmal, er findet es entlastend zu wissen, dass er sich verändern darf. Dass er nicht für immer derselbe bleiben muss. Dass Entscheidungen, die er früher getroffen hat, nicht in Stein gemeißelt sind. Er kann neue Interessen entwickeln, alte Gewohnheiten ablegen, andere Wege gehen. Und das bedeutet nicht, dass er sich verleugnet oder unecht ist. Es bedeutet nur, dass er lebt.
Ich glaube, das ist etwas, das viele Menschen schwierig finden. Diese Balance zwischen Kontinuität und Veränderung. Wir wollen uns treu bleiben, aber gleichzeitig nicht stagnieren. Wir wollen authentisch sein, aber auch wachsen. Und manchmal fühlt sich das wie ein Widerspruch an.
Vielleicht ist die Lösung, diese beiden Pole nicht als Gegensätze zu sehen, sondern als zwei Aspekte desselben Prozesses. Kontinuität entsteht nicht durch Stillstand, sondern durch eine bestimmte Art von Veränderung — eine, die sich organisch anfühlt, die aus mir heraus kommt, die zu meiner Geschichte passt. Und Veränderung bedeutet nicht, dass ich mich selbst aufgebe, sondern dass ich mich erweitere, neue Seiten an mir entdecke oder entwickle.
Es gibt in der Psychologie auch das Konzept der „möglichen Selbste“. Die Idee ist, dass wir nicht nur ein aktuelles Selbst haben, sondern auch Vorstellungen von zukünftigen Versionen von uns. Das, was wir sein könnten, wenn bestimmte Dinge passieren oder wenn wir bestimmte Entscheidungen treffen. Diese möglichen Selbste sind interessant, weil sie zeigen, dass Identität auch immer etwas mit Potenzial zu tun hat. Mit Möglichkeiten, die noch nicht realisiert sind, aber da sind.
Wenn Lisa sagt, sie sei kein Sportmensch, dann schließt sie damit bestimmte mögliche Selbste aus. Sie sagt: Das ist keine Version von mir, die existieren kann. Aber vielleicht ist sie das. Vielleicht würde sie, wenn sie anfangen würde zu laufen, eine Seite an sich entdecken, die bisher einfach keine Gelegenheit hatte, sich zu zeigen.
Ich habe das bei mir selbst erlebt. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich gerne schreibe. Das war nicht Teil meines Selbstbildes. Aber irgendwann habe ich angefangen, Dinge aufzuschreiben, erst nur für mich, dann für andere. Und heute ist es etwas, das mir wichtig ist, das ich nicht mehr missen möchte. War diese Seite immer in mir? Oder ist sie entstanden durch das Tun, durch die Übung, durch die Erfahrung?
Ich weiß es nicht. Und vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig. Vielleicht ist die Frage, ob etwas entdeckt oder erschaffen wird, am Ende weniger relevant als die Tatsache, dass es da ist. Dass es Teil meines Lebens geworden ist, Teil dessen, wie ich mich verstehe.
Wir haben inzwischen ein kleines Ritual entwickelt, Markus und ich. Am Ende des Tages, wenn wir im Bett liegen, erzählen wir uns manchmal von einem Moment, der uns aufgefallen ist. Etwas, das uns überrascht hat, das uns nachdenklich gemacht hat, das uns gezeigt hat, dass wir vielleicht doch nicht genau so sind, wie wir dachten. Es sind oft Kleinigkeiten. Ein Gespräch, das anders lief als erwartet. Eine Reaktion, die uns selbst überrascht hat. Ein Gedanke, der neu war.
Und ich merke, dass diese kleinen Momente sich ansammeln. Dass sie zusammen so etwas wie eine Veränderung ergeben, ohne dass wir sie geplant hätten. Wir entdecken uns nicht, wir erschaffen uns nicht — wir erleben uns. Und in diesem Erleben formt sich etwas, das sich manchmal wie Entdeckung anfühlt und manchmal wie Erschaffung, aber meistens wie eine Mischung aus beidem.
Die dunkelgrüne Jacke hängt jetzt übrigens immer griffbereit. Manchmal, wenn ich sie anziehe, denke ich an diesen Moment im Laden, an mein Zögern, an mein Gefühl von „das bin ich nicht“. Und dann lächle ich, weil — vielleicht war ich es damals wirklich noch nicht. Vielleicht bin ich es geworden, indem ich sie getragen habe. Oder vielleicht war diese Seite von mir schon da und brauchte nur die Gelegenheit, sich zu zeigen.
Am Ende spielt es keine so große Rolle. Was zählt, ist, dass ich jetzt diese Person bin, die diese Jacke trägt und sich darin wohlfühlt. Und morgen bin ich vielleicht eine Person, die etwas anderes entdeckt oder erschafft oder wird. Das Leben ist lang genug für viele Versionen von uns selbst. Und kurz genug, um nicht zu viel Zeit damit zu verbringen, herauszufinden, welche davon die „echte“ ist.