Gestern sind wir aus dem Keller hochgefahren, zusammen mit einer Frau, die ich ab und zu im Treppenhaus sehe. Sie war irgendwann vor ein paar Monaten eingezogen, glaube ich. Dritter Stock. Wir haben gleichzeitig auf den Knopf gedrückt, dann beide so ein bisschen gelächelt, und dann war da diese Stille. Nicht unangenehm, aber auch nicht ganz natürlich. Ich habe auf die Zahlen über der Tür geschaut. Sie hat in ihre Tasche geguckt. Und als die Tür im dritten Stock aufging, hat sie „Schönen Abend noch“ gesagt, und wir auch, und dann war sie weg.
Abends habe ich zu meinem Mann gesagt: „Warum reden wir eigentlich nie im Aufzug?“ Er hat kurz überlegt und dann gemeint: „Weil es komisch wäre?“ Aber so richtig überzeugt hat ihn das selbst nicht geklungen. Wir haben dann noch eine Weile darüber gesprochen, und irgendwie ist mir aufgefallen, dass ich das noch nie wirklich hinterfragt habe. Es ist einfach so. Man steigt ein, man schweigt, man steigt aus.
Dabei stehen wir da manchmal näher beieinander als in den meisten anderen Situationen mit Fremden. Wenn ich in der U-Bahn neben jemandem sitze, ist da immer noch ein bisschen Abstand, eine Armlehne, eine Tasche dazwischen. Im Aufzug aber, wenn es voll ist, berühren sich manchmal die Schultern. Man riecht das Parfüm der anderen Person. Man hört den Atem. Und trotzdem — oder vielleicht gerade deswegen — schauen wir weg, sagen nichts, warten nur darauf, dass die Fahrt vorbei ist.
Ich habe irgendwann mal gelesen, dass Soziologen den Aufzug als einen sogenannten „Nicht-Ort“ beschreiben. Also einen Raum, der keine eigene Bedeutung hat, sondern nur Durchgang ist. Wie ein Flur, nur noch konzentrierter. Man ist da, aber man ist nicht wirklich da. Man wartet darauf, woanders anzukommen. Und in diesem Warteraum gelten andere Regeln als sonst. Oder vielleicht keine Regeln — eher so eine stille Übereinkunft, dass wir alle gerade in einer Art Zwischenwelt sind und uns nicht gegenseitig daran erinnern müssen, dass wir existieren.
Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen groß gedacht für so eine Kleinigkeit. Aber wenn ich ehrlich bin, hat mich das nicht mehr losgelassen. Weil es ja wirklich seltsam ist. Wir stehen da mit Menschen zusammen, sehen sie vielleicht jeden Tag, und trotzdem bleibt diese unsichtbare Wand zwischen uns. Nicht kalt, nicht feindselig, aber eben da.
Mein Mann meinte dann irgendwann: „Vielleicht will niemand als der aufdringliche Typ gelten, der im Aufzug Konversation macht.“ Und ich glaube, da ist was dran. Es gibt so eine soziale Angst davor, den Raum anderer Leute zu betreten, ohne eingeladen zu sein. Im Café kann man sich zulächeln, im Park kann man über den Hund ins Gespräch kommen, an der Supermarktkasse kann man was zum Wetter sagen. Aber im Aufzug? Da fühlt sich jedes Wort so an, als würde man jemanden aus seinen Gedanken reißen.
Ich erinnere mich noch, wie ich vor Jahren mal in einem Hotel in Italien war, da waren wir im Urlaub. Dort ist eine ältere Frau mit mir Aufzug gefahren, und die hat mich einfach angelächelt und gesagt: „Che bella giornata!“ — was für ein schöner Tag. Ganz einfach, ganz leicht. Ich habe zurückgelächelt und irgendwas gestammelt, und dann war sie schon ausgestiegen. Aber es hat sich so anders angefühlt. Nicht erzwungen, nicht komisch, einfach nur freundlich.
Vielleicht liegt es auch daran, dass in manchen Kulturen die Stille zwischen Fremden anders besetzt ist. Ich habe mal irgendwo gelesen — ich glaube, es war ein Artikel über interkulturelle Kommunikation —, dass in südeuropäischen oder auch lateinamerikanischen Ländern Smalltalk oft als Höflichkeit gilt, als Zeichen von Warmherzigkeit. Schweigen dagegen kann kühl wirken, fast abweisend. Bei uns im deutschsprachigen Raum ist es eher umgekehrt. Hier wird Schweigen oft als Respekt vor der Privatsphäre verstanden. Man lässt den anderen in Ruhe. Man nimmt sich zurück.
Mein Mann hat dann später noch gesagt: „Vielleicht ist es auch die Enge. Wenn man so nah beieinander steht, fühlt sich Reden irgendwie invasiv an.“ Das fand ich interessant, weil ich das auch schon gespürt habe. Je näher man jemandem körperlich ist, desto stärker wird das Bedürfnis nach psychischer Distanz. Als würde man einen Ausgleich schaffen. Die Körper kommen sich näher, also ziehen sich die Gedanken zurück. Man schaut auf sein Handy, man studiert die Knöpfe, man fixiert die Stockwerksanzeige. Alles, um eine Art inneren Raum zu bewahren.
Es gibt sogar Studien dazu, die zeigen, dass Menschen im Aufzug bestimmte Verhaltensmuster entwickeln. Die meisten schauen nach oben, auf die Anzeige. Manche starren auf ihr Handy, auch wenn sie gar nichts darauf machen. Andere drehen sich zur Tür und schauen nur geradeaus. Fast niemand blickt die anderen Leute direkt an. Das wäre zu viel, zu direkt. Ich habe das neulich bewusst beobachtet, und es stimmt wirklich. Wir alle folgen diesem unausgesprochenen Skript, ohne dass es uns jemand beigebracht hätte.
Ganz ehrlich — ich weiß noch, dass ich als Kind im Aufzug immer geredet habe. Ich habe die Leute angelächelt, ich habe Fragen gestellt, ich habe erzählt, in welchen Stock wir fahren. Meine Mutter hat mir dann irgendwann gesagt, dass man im Aufzug besser leise ist. Nicht böse, nur so als beiläufige Bemerkung. Aber ich habe es mir gemerkt. Und irgendwann habe ich es selbst gemacht, ohne nachzudenken. Diese Stille im Aufzug gehörte einfach dazu, wie das Händewaschen vor dem Essen oder das Grüßen beim Reinkommen.
Wir erziehen uns gegenseitig dazu, ohne es zu merken. Kinder lernen das nicht aus Büchern, sondern durch Beobachtung. Sie sehen, dass Erwachsene schweigen, also schweigen sie auch. Und dann geben sie es später an ihre eigenen Kinder weiter. Es ist eine dieser unsichtbaren Regeln, die sich über Generationen halten, ohne dass sie je ausgesprochen werden.
Manchmal frage ich mich, ob das auch damit zu tun hat, dass wir die Kontrolle über die Situation nicht haben. Im Aufzug sind wir gefangen, für ein paar Sekunden oder Minuten. Wir können nicht einfach weggehen, wenn uns etwas unangenehm wird. Wenn ich im Supermarkt neben jemandem stehe, der mich in ein Gespräch verwickelt, kann ich mich umdrehen, weitergehen, so tun, als müsste ich etwas suchen. Im Aufzug geht das nicht. Deshalb ist es vielleicht sicherer, gar nicht erst anzufangen.
Diese Angst vor dem Eingesperrt-Sein mit einem Fremden — die ist nicht unbegründet. Es gibt ja sogar ein Wort dafür, im Englischen: „Elevator anxiety“. Die Angst, dass der Aufzug stecken bleibt, dass man eingeschlossen ist, dass man mit Menschen zusammen ist, mit denen man nicht zusammen sein möchte. Ich habe mal eine Umfrage gesehen, in der es hieß, dass viele Menschen den Aufzug als einen der unangenehmsten öffentlichen Räume empfinden. Nicht wegen der Technik, sondern wegen der sozialen Situation.
Und dann gibt es noch diese merkwürdige Sache mit der Zeit. Im Aufzug wird Zeit anders. Zwanzig Sekunden können sich anfühlen wie eine Minute. Man weiß nicht, ob man schnell genug aussteigen wird, ob man im Weg steht, ob man zu nah an jemandem dran ist. Es ist eine seltsame Mischung aus Langeweile und Anspannung. Man will, dass es vorbei ist, und gleichzeitig denkt man gar nicht richtig darüber nach. Es passiert einfach.
Mein Mann erzählte mir dann, dass er mal in einem Bürogebäude gearbeitet hat, wo jeden Morgen dieselben Leute im Aufzug waren. Nach ein paar Wochen haben sie angefangen, sich zu grüßen. Kurz, ein „Morgen“, ein Nicken. Mehr nicht. Aber es war eine kleine Veränderung. Sie waren keine völlig Fremden mehr, sondern Bekannte, die schweigend nebeneinander fuhren. Er meinte, dass ihm das gefallen hat. Nicht, dass sie miteinander geredet hätten, aber dass es ein kleines Ritual gab. Eine Anerkennung, dass sie alle im selben Boot saßen.
Das hat mich an etwas erinnert, das ich mal über rituelle Stille gelesen habe. Es gibt Kulturen, in denen Schweigen als gemeinsame Erfahrung verstanden wird, als etwas, das verbindet. In manchen buddhistischen Traditionen zum Beispiel sitzt man zusammen, ohne zu sprechen, und das ist keine Isolation, sondern Gemeinschaft. Vielleicht ist es im Aufzug ein bisschen ähnlich. Wir schweigen nicht, weil wir uns ignorieren wollen, sondern weil wir uns in dieser kurzen, merkwürdigen Situation eine Art stiller Solidarität schenken.
Ich habe neulich auch darüber nachgedacht, dass es einen Unterschied macht, ob man alleine im Aufzug ist oder mit jemandem, den man kennt. Wenn ich mit meinem Mann Aufzug fahre, reden wir meistens. Nicht immer, aber oft. Wir setzen das Gespräch von vorher fort, wir machen einen Witz, wir schauen uns an. Der Raum fühlt sich dann anders an. Er ist nicht mehr dieser Nicht-Ort, er wird zu einem Ort, weil wir eine Beziehung haben. Die Stille, die mit Fremden entsteht, brauchen wir nicht.
Aber sobald jemand anderes dazu steigt, ändert sich das. Wir werden leiser. Nicht abrupt, eher so nach und nach. Wir senken die Stimme, wir lassen Sätze unvollendet, wir wechseln das Thema. Es ist, als würden wir uns an die ungeschriebene Regel erinnern: Im Aufzug mit Fremden gehört der Raum niemandem, also beanspruchen wir ihn nicht.
Ich frage mich manchmal, ob das gut ist oder nicht. Einerseits finde ich es schön, dass wir uns gegenseitig diesen Respekt schenken. Niemand drängt sich auf, niemand nervt. Jeder bleibt in seiner kleinen Blase, und das ist okay. Andererseits fühlt es sich manchmal auch ein bisschen traurig an. Dass wir so nah beieinander stehen und trotzdem so weit voneinander entfernt sind.
Es gab mal eine Situation, da ist eine Frau mit einem kleinen Kind eingestiegen. Das Kind, vielleicht zwei oder drei Jahre alt, hat alle im Aufzug angelacht und gewunken. Und plötzlich haben alle zurückgelächelt. Jemand hat „Hallo“ gesagt, jemand hat mit den Fingern gewackelt. Es war, als hätte das Kind die Stille aufgebrochen, ohne dass es sich falsch anfühlte. Weil Kinder das dürfen. Sie kennen die Regel noch nicht, und deshalb erlauben sie uns, sie kurz zu vergessen.
Psychologen sagen, dass Kinder oft als soziale Brückenbauer funktionieren. Sie durchbrechen Barrieren, weil sie keine Angst vor Zurückweisung haben. Sie lächeln, und wir lächeln zurück, weil es sich natürlich anfühlt. Bei Erwachsenen ist das anders. Wir haben gelernt, vorsichtig zu sein. Wir wissen, dass nicht jeder Kontakt willkommen ist, dass nicht jeder Moment der richtige ist für Nähe.
Mein Mann meinte irgendwann: „Vielleicht ist der Aufzug einfach zu kurz für eine Beziehung.“ Und ich glaube, das trifft es ganz gut. Eine Unterhaltung braucht Zeit, sie braucht Raum, sie braucht die Möglichkeit, sich zu entwickeln. Im Aufzug haben wir das nicht. Wir haben dreißig Sekunden, vielleicht eine Minute. Was soll man in dieser Zeit sagen, das nicht oberflächlich oder seltsam wirkt?
Es ist ein bisschen wie bei diesen kurzen Begegnungen an der Ampel oder im Wartezimmer beim Arzt. Man weiß, dass man gleich wieder getrennte Wege geht, also fängt man gar nicht erst an. Es wäre, als würde man ein Buch aufschlagen, den ersten Satz lesen und es dann wieder zuklappen. Es fehlt die Kontinuität, die ein Gespräch braucht.
Trotzdem passiert es manchmal, dass jemand die Stille bricht. Ich erinnere mich an einen Moment, da hat ein älterer Herr im Aufzug plötzlich gesagt: „Verrückt, wie schnell die Woche rum ist.“ Niemand hat geantwortet, aber ein paar Leute haben genickt. Es war ein kleiner Moment der Verbindung, ohne dass er zu viel verlangt hätte. Keiner musste antworten, keiner musste sich rechtfertigen. Es war einfach ein Gedanke, den er laut ausgesprochen hat, und wir durften ihn mitnehmen oder auch nicht.
Vielleicht ist das die beste Art von Kommunikation im Aufzug: die, die keine Antwort erwartet. Die einfach nur da ist, als kleine Geste, als Zeichen, dass wir alle Menschen sind, die gerade denselben Raum teilen. Nicht aufdringlich, nicht fordernd, nur da.
Ich habe auch bemerkt, dass die Stille im Aufzug sich anders anfühlt, je nachdem, wo man ist. In einem Wohnhaus, wo man die Leute öfter sieht, fühlt sie sich vertrauter an. Man weiß, dass man sich morgen wahrscheinlich wieder sieht, also muss man jetzt nicht alles klären. In einem Bürogebäude oder einem Hotel ist es anonymer. Die Stille ist neutraler, fast gleichgültig. Man wird sich wahrscheinlich nie wiedersehen, also ist es fast egal, ob man redet oder nicht.
Und dann gibt es noch die Aufzüge, in denen Musik läuft. Die finde ich besonders seltsam, weil die Musik die Stille ausfüllen soll, aber sie macht es nicht wirklich besser. Es ist eine Ablenkung, ein Versuch, die Unbehaglichkeit zu überspielen. Aber eigentlich lenkt es nur davon ab, dass wir alle dasselbe denken: „Wann sind wir endlich da?“
Mein Mann und ich haben dann noch überlegt, ob es früher anders war. Ob die Menschen in den Fünfzigern oder Sechzigern im Aufzug miteinander geredet haben. Aber ich glaube nicht. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass die Aufzug-Etikette schon seit den ersten Aufzügen existiert. Dass Menschen damals genauso unsicher waren, wie sie sich verhalten sollen. Es ist also kein modernes Phänomen, keine Folge von Smartphones oder Isolation. Es ist etwas, das mit dem Raum selbst zu tun hat.
Vielleicht liegt es daran, dass der Aufzug uns an unsere Verletzlichkeit erinnert. Wir hängen buchstäblich in der Luft, in einer Metallbox, die von Seilen gehalten wird. Wir vertrauen darauf, dass die Technik funktioniert, dass wir sicher ankommen. Und in dieser kurzen Zeit der Unsicherheit ziehen wir uns zurück. Wir machen uns klein, wir werden still, wir warten ab.
Heute sehe ich das ein bisschen anders als früher. Ich finde die Stille im Aufzug nicht mehr nur merkwürdig, sondern auch irgendwie tröstlich. Sie ist eine der wenigen Situationen im Alltag, in denen niemand von uns erwartet, dass wir charmant, witzig oder interessant sind. Wir dürfen einfach nur da sein, für einen kurzen Moment, ohne Leistung, ohne Rolle. Wir sind nur Menschen, die zufällig gleichzeitig von einem Stockwerk zum anderen fahren.
Und vielleicht ist das Schweigen im Aufzug keine Kälte, sondern tatsächlich eine Form von Rücksicht. Wir geben einander den Raum, in Ruhe anzukommen. Wir stören nicht, wir drängen uns nicht auf, wir respektieren, dass jeder seine eigenen Gedanken hat, seine eigene Müdigkeit, seine eigene Ungeduld. Wir teilen diesen kleinen Übergangsraum, ohne ihn für uns zu beanspruchen.
Gestern sind wir wieder im Aufzug gefahren, wieder mit der Frau aus dem dritten Stock. Dieses Mal haben wir uns angelächelt, und sie hat gesagt: „Das Wetter heute, oder?“ Ich habe genickt und „Ja, wirklich schön“ gesagt. Dann war wieder Stille, aber es war eine andere Stille. Eine, die sich ein bisschen weniger fremd anfühlte.
Vielleicht geht es gar nicht darum, ob wir reden oder nicht. Vielleicht geht es darum, dass wir einander wahrnehmen, auch im Schweigen. Dass wir wissen: Da ist jemand, der gerade denselben Moment erlebt wie ich. Und das reicht manchmal.