Ist Wiederholung Langeweile — oder Stabilität?

Der Wasserkocher machte dieses Klicken, das er immer macht, kurz bevor er fertig ist. Ein kleines metallisches Geräusch, fast wie ein Räuspern. Ich stand am Küchenfenster und sah auf die Straße hinunter, wo der Nachbar von gegenüber seinen Hund ausführte — wie jeden Morgen um diese Zeit, wie seit drei Jahren. Der Hund, ein etwas zu dicker Beagle, schnüffelte an derselben Laterne wie immer. Thomas kam hinter mir in die Küche, noch im T-Shirt, die Haare verstrubbelt, und griff nach seiner Tasse. Der Kaffeeduft mischte sich mit dem kühlen Luftzug, der durch das gekippte Fenster hereinkam.

„Schau mal“, sagte ich und nickte Richtung Straße. „Herr Brenner. Mit Oskar.“

Thomas stellte sich neben mich, die Tasse in beiden Händen, und schaute hinunter.

„Mhm“, machte er. „Jeden Morgen.“

„Jeden einzelnen Morgen.“

„Glaubst du, er denkt darüber nach?“

„Worüber?“

„Na, dass er jeden Tag denselben Weg geht. Dieselbe Runde. Dieselbe Laterne.“

Ich zuckte mit den Schultern. Der Beagle zog weiter, und Herr Brenner folgte, die Leine locker in der Hand. Von hier oben sah er kleiner aus, älter vielleicht. Oder einfach nur vertraut.

„Ich glaube nicht, dass er darüber nachdenkt“, sagte ich. „Ich glaube, er macht es einfach.“

Thomas nahm einen Schluck Kaffee, und für einen Moment standen wir einfach so da, ohne etwas zu sagen. Draußen fuhr ein Auto vorbei. Die Heizung unter dem Fenster gab ein leises Gluckern von sich, wie sie es jeden Winter tat, wenn die Rohre sich aufwärmten. Und ich dachte: Das ist auch so eine Wiederholung. Dieses Gluckern. Dieses Fenster. Dieser Kaffee. Dieser Moment, in dem wir beide noch nichts vom Tag wissen und trotzdem schon mittendrin sind.

Es war kein besonderer Morgen. Kein Feiertag, kein Geburtstag, nichts Geplantes. Nur ein Dienstag im Januar, an dem es früh dunkel geworden war und spät wieder hell wurde, und dazwischen lag diese seltsame Stille, die der Winter manchmal mitbringt. Ich weiß nicht mehr genau, warum mir an diesem Morgen der Gedanke kam, aber irgendwie blieb er hängen: Wie viel von unserem Leben besteht eigentlich aus Wiederholung? Nicht aus den großen Momenten, die wir in Fotoalben kleben oder bei Geburtstagsfeiern erzählen, sondern aus den kleinen. Den unsichtbaren. Den Handgriffen, die wir machen, ohne hinzuschauen.

Thomas stellte seine Tasse in die Spüle — wie immer links neben dem Schwamm, nie rechts — und ging ins Bad. Ich hörte, wie er die Tür hinter sich schloss, dann das Rauschen der Dusche. Auch das: eine Wiederholung. Jeden Morgen dieselbe Reihenfolge. Aufstehen, Kaffee, Dusche, Anziehen, Jacke, Schlüssel, Tür. Es gibt Tage, an denen mich das beruhigt. Und Tage, an denen ich mich frage, ob wir irgendwann aufgehört haben, Entscheidungen zu treffen, und nur noch Abläufe befolgen.

Später an diesem Tag, im Supermarkt, fiel mir wieder ein, was ich morgens gedacht hatte. Es war kurz nach fünf, die Neonröhren summten über den Regalen, und ich stand vor den Joghurts wie jemand, der eine wichtige Entscheidung treffen muss. Was natürlich Unsinn war. Es ging um Joghurt. Erdbeer oder Natur. Trotzdem stand ich da, mit dem Einkaufswagen, dessen linkes Vorderrad leicht quietschte — es quietscht immer, egal welchen Wagen ich nehme, als hätten alle Supermärkte dieselben kaputten Räder —, und schaute auf die Kühlregale, als würden sie mir etwas verraten.

Neben mir griff eine ältere Frau nach einem Becher griechischem Joghurt, ohne hinzusehen. Sie warf ihn in ihren Korb, ging weiter, und ich dachte: Die macht das nicht zum ersten Mal. Die macht das jede Woche. Dieselbe Marke, derselbe Becher, derselbe Griff. Keine Überlegung, kein Zögern. Einfach Routine.

Es roch nach Desinfektionsmittel und nach den Brötchen, die hinten in der Backstation aufgebacken wurden. Das warme Hefearoma mischte sich mit der kühlen Luft aus den Kühlregalen, und einen Moment lang fühlte sich der Supermarkt seltsam vertraut an, obwohl ich hier gar nicht so oft einkaufe. Aber alle Supermärkte haben etwas Ähnliches, dieses Summen, dieses Licht, diese Ordnung in den Regalen. Es ist fast beruhigend, wie vorhersehbar alles ist. Du weißt, wo die Milch steht. Du weißt, wo die Kassen sind. Du weißt, wie der Laden riecht, bevor du ihn betreten hast.

Ich nahm den Naturjoghurt — wie immer — und schob den Wagen weiter. Das Quietschen begleitete mich durch den Gang mit den Konserven, vorbei an den Nudeln, vorbei an den Gewürzen. Und ich fragte mich, wie viele Schritte ich in meinem Leben schon durch Supermärkte gemacht habe. Wie viele Wagen ich geschoben habe. Wie viele Male ich vor denselben Regalen stand und dieselben Dinge in den Korb legte.

Es klang, als ich darüber nachdachte, ein bisschen traurig. Aber es fühlte sich nicht traurig an. Es fühlte sich eher an wie — ich weiß nicht — wie ein Gerüst. Wie etwas, das trägt, ohne dass man es merkt.

Wir haben später gelesen — ich glaube, es war an einem Abend, an dem wir beide nicht schlafen konnten und Thomas irgendeinen Artikel auf dem Tablet gefunden hatte —, dass Wiederholung im Gehirn eine ganz eigene Funktion hat. Nicht als Langeweile, nicht als Stillstand, sondern als Entlastung. Die Forschung spricht von Automatisierung: Wenn wir etwas oft genug tun, verlagert das Gehirn diese Handlung in Bereiche, die weniger bewusste Aufmerksamkeit erfordern. Es ist, als würde der Kopf sagen: Das kenne ich schon, das kann ich im Hintergrund laufen lassen. Dadurch wird Kapazität frei für anderes. Für Neues. Für das, was wirklich unsere Aufmerksamkeit braucht.

Was uns überrascht hat, war ein Nebengedanke in diesem Artikel. Es ging um das Gefühl von Langeweile. Die Autorin — eine Psychologin, wenn ich mich richtig erinnere — schrieb, dass Langeweile nicht unbedingt durch Wiederholung entsteht, sondern durch das Bewusstsein der Wiederholung. Solange wir nicht darüber nachdenken, dass wir jeden Morgen dieselben Handgriffe machen, fühlen sie sich nicht langweilig an. Erst wenn wir innehalten und uns fragen, warum wir das schon wieder tun, entsteht dieses Gefühl von Leere. Als würde die Reflexion selbst die Routine entzaubern.

Das hat mich beschäftigt. Nicht weil es besonders neu war, sondern weil es erklärte, warum manche Tage sich lang anfühlen und andere nicht. An Tagen, an denen ich einfach mache — aufstehe, frühstücke, arbeite, einkaufe, koche —, vergeht die Zeit fast unbemerkt. Aber an Tagen, an denen ich mittendrin stoppe und denke, das habe ich doch alles schon gemacht, zieht sich alles plötzlich wie Kaugummi. Die Wiederholung ist dieselbe. Nur mein Blick darauf hat sich verändert.

Thomas legte das Tablet zur Seite und sagte: „Das ist doch eigentlich beruhigend, oder? Dass die Routine uns nicht abstumpft, sondern freimacht.“

Ich wusste nicht, ob ich ihm zustimmen sollte. Weil es sich in dem Moment, als ich im Supermarkt vor den Joghurts stand, nicht wie Freiheit angefühlt hatte. Eher wie ein leises Unbehagen. Aber ich dachte auch: Unbehagen ist ja nicht immer schlecht. Manchmal ist es einfach ein Zeichen dafür, dass man etwas bemerkt hat, das sonst unsichtbar bleibt.

Am Wochenende waren wir bei Mira, einer Freundin, die wir seit dem Studium kennen. Sie wohnt jetzt in einer kleinen Wohnung am Stadtrand, mit einem Balkon, der auf einen Hinterhof geht, und einer Katze, die sich unter dem Sofa versteckt, wenn Besuch kommt. Es war einer dieser Abende, an denen man eigentlich nur auf einen Tee vorbeikommen will und dann doch drei Stunden bleibt. Draußen war es schon dunkel, die Straßenlaternen warfen orangefarbenes Licht auf den nassen Asphalt, und in Miras Wohnung roch es nach dem Räucherstäbchen, das sie angezündet hatte — Sandelholz, glaube ich, oder etwas Ähnliches.

Wir saßen auf ihrem durchgesessenen Sofa, das sie vor Jahren auf dem Flohmarkt gekauft hatte, und irgendwann kamen wir auf das Thema Alltag. Ich weiß nicht mehr, wie. Es ging vorher um ihren Job, dann um ihre Mutter, dann um irgendwas mit Schlafrhythmus, und plötzlich sagte Mira:

„Ich habe neulich gemerkt, dass ich jeden Freitagabend dasselbe mache. Wirklich jeden. Seit Monaten. Sofa, Pizza bestellen, Serie schauen. Immer.“

„Klingt doch gut“, sagte Thomas.

„Ja, aber ist das nicht irgendwie traurig?“

„Warum traurig?“

Mira zog die Beine auf das Sofa und wickelte sich in die Decke, die neben ihr lag. Die Katze — sie heißt Lotte — war inzwischen unter dem Sofa hervorgekommen und rieb sich an Miras Beinen.

„Ich weiß nicht“, sagte sie. „Weil es so vorhersehbar ist. Weil ich Freitagabend bin, bevor der Freitagabend überhaupt angefangen hat.“

Ich verstand, was sie meinte. Es war nicht so, dass sie ihren Freitagabend nicht mochte. Es war eher das Gefühl, dass sie ihn nicht mehr gewählt hatte. Dass er irgendwann einfach passiert war, ohne dass sie sich bewusst dafür entschieden hatte.

„Bei uns ist das mit dem Sonntagmorgen so“, sagte ich. „Frühstück, Zeitung, Markt. Jede Woche. Seit Jahren.“

„Und findet ihr das schlimm?“

Ich schaute zu Thomas. Er zuckte mit den Schultern.

„Kommt drauf an“, sagte er. „Manchmal ist es einfach schön. Und manchmal denke ich, wir könnten auch mal was anderes machen.“

„Aber dann macht ihr es nicht.“

„Dann machen wir es nicht.“

Mira lachte, aber es war ein nachdenkliches Lachen. Die Heizung in ihrer Wohnung machte ein leises Klopfen, wie sie es immer tat, und draußen fuhr ein Auto vorbei, dessen Scheinwerfer kurz durch das Fenster huschten. Und ich dachte, dass das genau das war, worüber wir die ganze Zeit redeten, ohne es auszusprechen: Wie viel von dem, was wir tun, wirklich eine Entscheidung ist. Und wie viel davon einfach — Gewohnheit.

Nicht Gewohnheit im schlechten Sinne. Nicht Bequemlichkeit oder Faulheit. Sondern etwas, das sich über die Zeit eingeschliffen hat, weil es funktioniert. Weil es sich richtig angefühlt hat, zumindest irgendwann. Und weil es dann einfach weiterging, ohne dass jemand Stopp gesagt hat.

Thomas erzählt manchmal von seinem Großvater. Der lebte in einem kleinen Dorf in Niedersachsen, in einem Haus, das sein Urgroßvater gebaut hatte, und er verließ dieses Dorf sein ganzes Leben lang kaum. Nicht weil er nicht konnte, sondern weil er nicht wollte. Er stand jeden Morgen um fünf auf, fütterte die Hühner — obwohl es zum Schluss nur noch drei waren —, trank seinen Kaffee am Küchenfenster und ging dann in den Garten, egal bei welchem Wetter. Sonntags fuhr er mit dem Fahrrad zur Kirche, danach saß er in der Wirtschaft und trank ein Bier. Immer dasselbe Bier. Immer derselbe Platz.

Ich habe diesen Großvater nie kennengelernt, er starb, bevor Thomas und ich zusammenkamen, aber ich kenne die Geschichten. Und wenn Thomas davon erzählt, merke ich, wie sich sein Blick verändert. Nicht Nostalgie genau, eher so etwas wie Staunen. Als wäre diese Art zu leben für ihn gleichzeitig völlig fremd und seltsam anziehend.

„Ich glaube, er hat nie darüber nachgedacht, ob sein Leben langweilig ist“, sagte Thomas einmal. „Das war nicht die Frage. Die Frage war, ob die Kartoffeln dieses Jahr gut werden. Ob das Dach dicht ist. Ob der Nachbar zum Geburtstag kommt.“

Wir lagen auf dem Sofa, es war spät, und draußen war es so still, wie es in der Stadt selten ist. Thomas hatte die Augen halb geschlossen, und ich konnte sehen, dass er irgendwo anders war, in einer Erinnerung, die nicht ganz seine eigene war, sondern eine, die ihm erzählt worden war.

„Und du?“, fragte ich. „Könntest du so leben?“

Er schwieg einen Moment. Der Kühlschrank in der Küche brummte leise, dieses gleichmäßige Geräusch, das man nur hört, wenn alles andere still ist.

„Ich weiß nicht“, sagte er. „Ich glaube, ich hätte Angst, etwas zu verpassen. Aber gleichzeitig… ich beneide ihn manchmal. Dass er so sicher war. Dass er nicht ständig überprüft hat, ob er das Richtige macht.“

Das hat mich an etwas erinnert, was mir an uns auffällt, wenn ich ehrlich bin. Wir — unsere Generation, aber auch wir als Paar — sind ständig dabei, unser Leben zu hinterfragen. Nicht weil wir unglücklich sind, sondern weil es fast automatisch passiert. Ist das der richtige Job? Die richtige Stadt? Die richtige Art, den Sonntag zu verbringen? Wir haben so viele Möglichkeiten, dass das Wählen selbst anstrengend wird. Und manchmal glaube ich, dass die Wiederholung, die uns so banal vorkommt, in Wirklichkeit ein Schutz ist. Vor der Überforderung. Vor dem ständigen Neu-Entscheiden-Müssen.

Ich erinnere mich an einen Abend, vielleicht ein Jahr her, als ich die Fotos auf meinem Handy durchschaute. Eigentlich wollte ich Speicherplatz freimachen, aber dann blieb ich hängen. Da waren Bilder vom Frühstück — immer dieselben Teller, dieselbe Aussicht aus dem Fenster, derselbe halbvolle Kaffeebecher. Bilder vom Spaziergang im Park — immer derselbe Weg, dieselbe Bank, derselbe Blick auf den kleinen Teich. Es war, als würde ich ein Muster sehen, das mir vorher nie aufgefallen war. Und ich wusste nicht, ob mich das beruhigen oder beunruhigen sollte.

Ich zeigte Thomas ein paar der Bilder. Er scrollte durch, langsam, und irgendwann sagte er:

„Weißt du, was mir auffällt?“

„Was?“

„Du fotografierst immer morgens. Fast nie abends. Morgens, wenn das Licht so ist.“

Er zeigte auf ein Bild, auf dem der Kaffeedampf vor dem Fenster stand, und das Licht war wirklich schön — weich, ein bisschen golden, wie früher Morgen eben ist, bevor der Tag richtig anfängt.

„Stimmt“, sagte ich. „Abends vergesse ich es meistens.“

„Oder es gibt nichts zu fotografieren.“

„Was meinst du damit?“

Er legte das Handy weg und überlegte. Seine Stirn zog sich zusammen, so wie sie es immer tut, wenn er nach Worten sucht.

„Ich meine, morgens ist alles noch frisch. Alles könnte noch passieren. Abends ist es vorbei. Da fotografiert man nicht mehr, da schaut man nur noch zurück.“

Das war ein Gedanke, der mich tagelang begleitete. Nicht weil er besonders tief war, sondern weil er etwas traf, das ich vorher nicht hätte benennen können. Diese Asymmetrie zwischen Anfangen und Aufhören. Zwischen dem Moment, in dem alles noch möglich ist, und dem Moment, in dem man weiß, was tatsächlich passiert ist. Die Wiederholung, die uns so vertraut vorkommt, die jeden Morgen so ähnlich beginnt, sie ist eigentlich kein Kreis. Sie ist eine Spirale. Jeden Tag leicht verschoben, auch wenn wir es nicht bemerken.

Wir haben irgendwann — ich glaube, es war nach dem Abend bei Mira, aber ich bin nicht sicher — einen Text gelesen, der uns lange beschäftigt hat. Es ging um das Konzept der narrativen Identität, also um die Idee, dass wir unser Leben nicht einfach leben, sondern dass wir es uns auch erzählen. Ständig. In Schleifen. Jeden Abend, wenn wir einschlafen, ordnen wir den Tag ein. Jedes Mal, wenn uns jemand fragt, wie es uns geht, wählen wir aus, was wir sagen und was nicht. Und aus diesen Erzählungen entsteht langsam so etwas wie eine Geschichte über uns selbst.

Der Psychologe, der in dem Text zitiert wurde — ich habe den Namen vergessen, aber es war jemand Amerikanisches, glaube ich —, sprach davon, dass diese Selbstgeschichten nicht neutral sind. Sie sind gefärbt. Von unserer Stimmung, von unseren Erwartungen, von dem, was wir für wichtig halten. Und sie verändern sich, je nachdem, in welcher Phase unseres Lebens wir sind. Ein Ereignis, das uns mit zwanzig wie eine Katastrophe vorkam, kann mit vierzig plötzlich wie eine notwendige Wendung aussehen. Nicht weil das Ereignis anders war, sondern weil wir es anders erzählen.

Was mich daran fasziniert hat, war eine Nebenbemerkung über kulturelle Unterschiede. Der Autor schrieb, dass diese Art von Selbsterzählung — dieses ständige „Wer bin ich und wie bin ich hierher gekommen?“ — vor allem in westlichen Kulturen verbreitet ist. In Kulturen, in denen das Individuum im Mittelpunkt steht. In anderen Gesellschaften, in denen die Gemeinschaft wichtiger ist als der Einzelne, erzählen sich Menschen ihre Lebensgeschichte ganz anders. Weniger als persönliches Projekt, mehr als Einordnung in ein größeres Ganzes. Die Wiederholung — der Rhythmus der Jahreszeiten, der Festtage, der Familienrituale — ist dort nicht das, was man überwinden muss, sondern das, was Halt gibt. Das, was einen verbindet.

Ich musste an Thomas‘ Großvater denken, als ich das las. An seine Hühner, sein Fahrrad, sein Bier am Sonntag. Nicht weil er in einer anderen Kultur gelebt hätte, sondern weil seine Welt kleiner war, überschaubarer, und die Wiederholung darin einen anderen Stellenwert hatte. Sie war keine Einschränkung. Sie war das, was sein Leben ausmachte. Das, worauf er sich verlassen konnte.

Thomas las den Text nach mir, und wir sprachen abends darüber, wie wir es oft tun — ohne Ziel, einfach so, während der Fernseher stumm im Hintergrund lief und wir beide eigentlich schon müde waren.

„Glaubst du, wir erzählen uns zu viel?“, fragte ich.

„Wie meinst du das?“

„Na, diese Selbstgeschichten. Vielleicht übertreiben wir es. Vielleicht machen wir alles komplizierter, als es sein müsste.“

Er dachte nach. Draußen fuhr ein Krankenwagen vorbei, das Blaulicht huschte über die Wohnzimmerdecke, und dann war es wieder still.

„Kann sein“, sagte er. „Aber ich glaube nicht, dass wir anders können. So sind wir halt aufgewachsen. Mit der Frage, wer wir sein wollen. Und der Angst, es nicht herauszufinden.“

Das hat mich an unseren Text über das Älterwerden erinnert, den wir vor ein paar Monaten geschrieben hatten. Da ging es um etwas Ähnliches. Um die Frage, wie man sich selbst über die Zeit hinweg verändert und trotzdem glaubt, dieselbe Person zu sein. Die Wiederholung, das wurde mir in diesem Moment klar, ist Teil davon. Sie ist der Faden, der die Tage verbindet. Ohne sie wären wir nur eine Ansammlung von Einzelmomenten. Mit ihr werden wir zu jemandem.

Ein paar Tage später, es war ein Mittwochabend, saß ich allein in der Küche und schaute in den Kalender, der an der Wand hing. Thomas war noch nicht zu Hause, und ich hatte nichts Bestimmtes vor, nur diesen Moment, in dem man zwischen Tagesende und Abendanfang hängt und nicht recht weiß, was man machen soll. Der Kalender war einer von diesen Wochenplanern, den wir seit Jahren benutzen, mit kleinen Klebezetteln und Eintragungen in verschiedenen Farben. Meine Schrift in Blau, Thomas‘ Schrift in Schwarz. Manchmal überlappen sie sich. Manchmal gibt es Tage, die leer sind.

Was mir auffiel, als ich dort stand und hinschaute, war das Muster. Nicht die einzelnen Einträge, sondern die Wiederholung dahinter. Montag: Yoga. Mittwoch: Müll rausbringen. Freitag: Einkaufen. Sonntag: Markt. Es war nicht so, dass ich das nicht wusste — ich war ja diejenige, die diese Dinge immer wieder aufschrieb. Aber es so zu sehen, in dieser Übersicht, auf einen Blick, machte etwas mit mir. Es fühlte sich nicht langweilig an. Es fühlte sich eher — ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll — wie ein Beweis an. Ein Beweis, dass wir leben. Dass die Tage vergehen. Dass wir sie irgendwie füllen, auch wenn sie sich ähnlich sind.

Die Heizung unter dem Fenster gab ihr übliches Gluckern von sich. Draußen wurde es langsam dunkel, und ich konnte mein eigenes Spiegelbild im Fenster sehen, verschwommen und leicht verzerrt. Und ich dachte, dass das vielleicht das Wichtigste ist, was ich über Wiederholung verstanden habe: Sie ist nicht das Gegenteil von Bedeutung. Sie ist der Hintergrund, vor dem Bedeutung überhaupt sichtbar wird. Ohne das Vertraute gäbe es kein Überraschendes. Ohne das Gewohnte kein Fremdes. Die kleinen Rituale, die wir jeden Tag vollziehen — der Kaffee, der Kalender, das Gluckern der Heizung — sie sind der Rahmen, in dem unser Leben stattfindet. Kein goldener Rahmen, kein auffälliger. Eher einer aus Holz, etwas abgegriffen, aber solide.

Thomas kam kurz danach nach Hause, mit einer Tüte vom Bäcker, in der zwei Croissants waren, leicht zerdrückt, aber noch warm. Er stellte sie auf den Küchentisch, hängte seine Jacke an den Haken — immer denselben Haken, den dritten von links — und fragte, wie mein Tag war.

„Normal“, sagte ich.

„Normal gut oder normal langweilig?“

Ich überlegte. Die Croissants dufteten nach Butter, und das Licht in der Küche war jetzt ganz warm, weil nur die kleine Lampe über dem Herd brannte.

„Beides, glaube ich“, sagte ich. „Beides gleichzeitig.“

Er nickte, als würde er verstehen. Und ich glaube, er verstand es wirklich. Nicht weil ich viel erklärt hätte, sondern weil wir beide schon lange genug zusammen sind, um zu wissen, was der andere meint, wenn er nicht viel sagt.

Wir aßen die Croissants am Küchentisch, ohne Teller, weil wir beide zu faul waren, welche zu holen. Die Krümel fielen auf das Holz, und ich wischte sie später mit der Hand zusammen, wie ich es immer tue. Draußen bellte ein Hund — wahrscheinlich Oskar, obwohl es dafür eigentlich zu spät war. Aber Hunde haben ja auch ihre Routinen, die sich manchmal verschieben, ohne dass man weiß warum.

Ich weiß nicht, ob es eine Einsicht gibt, die man aus all dem ziehen kann. Wir haben viel darüber nachgedacht, Thomas und ich, in den letzten Wochen, aber am Ende bleiben wir meistens bei Fragen stehen. Nicht weil wir keine Antworten finden, sondern weil die Fragen selbst schon genug sind. Genug, um einen Abend zu füllen. Genug, um darüber zu reden, während der Kaffee kalt wird. Genug, um sich zu erinnern, dass das, was wir jeden Tag tun, nicht selbstverständlich ist, auch wenn es sich so anfühlt.

Herr Brenner geht immer noch jeden Morgen mit Oskar spazieren. Ich sehe ihn manchmal vom Küchenfenster aus, wenn ich meinen Kaffee trinke. Der Beagle ist vielleicht noch etwas dicker geworden, aber das kann auch täuschen. Und ich frage mich nicht mehr, ob er darüber nachdenkt, was er da macht. Ich glaube, es ist egal. Er macht es. Jeden Tag. Und das allein ist schon etwas.

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