Es war ein Donnerstagabend, und die Küche roch nach verbrannter Butter. Ich hatte versucht, Rührei zu machen, aber an diesem Abend war ich mit den Gedanken woanders gewesen. Die Pfanne stand schon im Spülbecken, das Fenster war gekippt, und durch den Spalt kam die kühle Oktoberluft herein, zusammen mit dem Geräusch von Regentropfen auf dem Fenstersims. Mein Mann saß am Tisch, ein Glas Rotwein vor sich. Ich wischte die Arbeitsplatte ab und sagte, ohne ihn anzusehen: „Ich glaube, ich war heute einsam.“
Er legte das Handy hin. „Heute?“, fragte er. „Du warst doch den ganzen Tag zuhause.“
„Ja, genau“, sagte ich. „Ich war zuhause. Den ganzen Tag. Und ich war trotzdem einsam.“
Er nickte langsam. Das Licht über dem Tisch war warm und gelb, eine dieser Glühbirnen, die man eigentlich längst gegen LED hätte tauschen sollen. „Einsam ist komisch“, sagte er dann. „Ich war letzte Woche auf dieser Konferenz, mit den hundert Leuten. Und da hatte ich zwischendurch auch so ein Gefühl. Nicht Heimweh, aber so was Ähnliches. Obwohl ich die ganze Zeit mit Leuten geredet habe.“
In dem Moment begann ich, über Einsamkeit anders nachzudenken. Nicht als etwas, das man hat, wenn man allein ist, sondern als etwas, das weniger mit der Anzahl der Menschen um einen herum zu tun hat als mit einer Art innerer Passung, die manchmal stimmt und manchmal nicht.
Die Forschung zu diesem Thema ist erstaunlich umfangreich und reicht bis in die 1970er Jahre zurück. Der amerikanische Psychologe Robert Weiss unterschied bereits damals zwischen zwei grundlegend verschiedenen Formen von Einsamkeit: der emotionalen und der sozialen. Emotionale Einsamkeit entsteht demnach durch das Fehlen einer engen, intimen Bindung — eines Partners, eines besten Freundes, einer Vertrauensperson, die einen wirklich kennt. Soziale Einsamkeit hingegen beschreibt das Fehlen eines breiteren Netzwerks, einer Gemeinschaft, in der man sich zugehörig fühlt. Das Bemerkenswerte an dieser Unterscheidung ist, dass die eine Form die andere nicht kompensieren kann. Ein Mensch kann von Freunden umgeben sein und sich trotzdem emotional einsam fühlen, weil niemand unter ihnen die Tiefe einer echten Vertrauensbeziehung bietet. Umgekehrt kann jemand in einer glücklichen Partnerschaft leben und dennoch sozial einsam sein, weil das weitere Umfeld fehlt. Diese Erkenntnis erklärt vielleicht, warum mein Mann sich inmitten von hundert Konferenzteilnehmern einsam fühlte: Er hatte jede Menge soziale Interaktion, aber keine emotionale Nähe.
Was die Sache noch komplizierter macht, ist die Unterscheidung zwischen objektiver Isolation und subjektiver Einsamkeit. Nicht jeder, der allein ist, fühlt sich einsam. Und nicht jeder, der sich einsam fühlt, ist objektiv isoliert. John Cacioppo, ein Neurowissenschaftler, der sein gesamtes Forscherleben der Einsamkeit gewidmet hat, betonte immer wieder, dass Einsamkeit eine wahrgenommene Diskrepanz ist — der Abstand zwischen den sozialen Beziehungen, die man hat, und denen, die man sich wünscht. Zwei Menschen können identische soziale Netzwerke haben, aber völlig unterschiedliche Grade von Einsamkeit erleben, je nachdem, was sie sich von diesen Beziehungen erwarten.
Das klingt zunächst wie eine Binsenweisheit, hat aber weitreichende Konsequenzen. Es bedeutet nämlich, dass Einsamkeit nicht einfach dadurch gelöst werden kann, dass man mehr Menschen in das Leben eines einsamen Menschen bringt. Die Qualität der Beziehungen zählt mehr als die Quantität. Und was als Qualität empfunden wird, ist höchst individuell.
Ungefähr zwei Wochen nach diesem Abendgespräch standen wir im Supermarkt an der Tiefkühltruhe. Samstagnachmittag, diese Zeit, in der alle gleichzeitig einkaufen. Die Luft war kühl und roch nach diesem seltsamen Gemisch aus Plastik und gefrorenem Gemüse. Neben uns stand eine ältere Frau, die sehr lange die Aufschrift auf einer Packung Erbsen studierte, und ich dachte für einen Moment: Ist sie einsam?
Mein Mann schob den Einkaufswagen ein Stück weiter, und ich sagte leise: „Glaubst du, man sieht es jemandem an?“
„Was?“
„Ob jemand einsam ist.“
Er blieb stehen. „Ich glaube nicht“, sagte er nach einer Pause. „Ich war nach dem Studium manchmal ziemlich — ich weiß nicht, ob einsam das richtige Wort ist. Aber ich habe mich damals oft gefühlt, als würde ich durch Glas auf die anderen schauen. Und ich glaube nicht, dass das irgendwer gemerkt hat.“
Diese Beobachtung deckt sich mit dem, was die Forschung über die Unsichtbarkeit von Einsamkeit sagt. Im Gegensatz zu anderen psychischen Belastungen zeigt sich Einsamkeit oft nicht nach außen. Einsame Menschen funktionieren häufig im Alltag, gehen zur Arbeit, führen Small Talk, erfüllen ihre Pflichten. Die Einsamkeit spielt sich im Inneren ab, in einem Raum, zu dem andere keinen Zugang haben. Das liegt zum Teil daran, dass Einsamkeit stark stigmatisiert ist. Wer einsam ist, wird oft als sozial inkompetent, unattraktiv oder selbst schuld wahrgenommen. Entsprechend vermeiden Menschen es, über ihre Einsamkeit zu sprechen, was den Teufelskreis verstärkt: Die Einsamkeit bleibt verborgen, wird nicht angesprochen, kann nicht aufgelöst werden.
Was die Forschung ebenfalls zeigt, ist, dass Einsamkeit nicht nur ein unangenehmes Gefühl ist, sondern messbare physiologische Auswirkungen hat. Chronische Einsamkeit geht einher mit erhöhten Cortisolspiegeln, mit Entzündungsmarkern im Blut, mit einem geschwächten Immunsystem. In einer viel zitierten Metaanalyse wurde festgestellt, dass die gesundheitlichen Risiken chronischer Einsamkeit vergleichbar sind mit denen von Rauchen oder Fettleibigkeit. Das Gehirn eines chronisch einsamen Menschen verändert sich nachweislich: Die Amygdala, zuständig für die Verarbeitung von Bedrohungen, wird hyperaktiv, während Regionen, die mit Empathie und sozialem Verständnis verbunden sind, an Aktivität verlieren. Es ist, als würde das Gehirn in einen Überlebensmodus schalten, der paradoxerweise genau die sozialen Fähigkeiten beeinträchtigt, die man bräuchte, um der Einsamkeit zu entkommen.
An der Kasse hatte mein Mann vergessen, die Trennstäbe hinzulegen, und die Kassiererin musste fragen, ob die Bananen zu uns gehören. Sie gehörten nicht. Auf dem Weg zum Auto habe ich gelacht und gesagt: „Wir sind offensichtlich noch nicht alt genug für den Supermarkt.“
Das Thema Alter und Einsamkeit ist ein eigenes Kapitel, das sich lohnt, genauer zu betrachten. Es gibt ein weit verbreitetes Bild vom einsamen alten Menschen, der verlassen in seiner Wohnung sitzt. Dieses Bild ist nicht falsch, aber es ist unvollständig. Die höchsten Einsamkeitsraten finden sich nämlich nicht im hohen Alter, sondern in zwei anderen Lebensphasen: im jungen Erwachsenenalter, ungefähr zwischen 18 und 30, und dann wieder ab etwa 80. Die Einsamkeit junger Erwachsener wird oft übersehen, weil sie sich hinter einer Fassade von Social-Media-Aktivität und ausgehendem Sozialleben verbirgt. Aber gerade in dieser Lebensphase, in der man aus dem Elternhaus auszieht, Beziehungen beginnen und beenden, den Wohnort wechselt, Identitäten erprobt, ist die Anfälligkeit für Einsamkeit besonders hoch. Die stabilen Strukturen der Kindheit und Jugend sind weggebrochen, die stabilen Strukturen des späteren Erwachsenenlebens noch nicht etabliert.
Eine Woche nach dem Supermarkt kam unsere Freundin zum Abendessen. Ich nenne sie hier Anna. Es war November, draußen schon dunkel, obwohl es erst kurz nach sieben war. Anna saß auf dem Stuhl am Fenster und erzählte von ihrer Mutter.
„Sie wohnt seit fünf Jahren allein“, sagte Anna. „Seit mein Vater gestorben ist. Und sie sagt immer, dass es ihr gut geht. Aber ich merke, dass sie jedes Mal, wenn ich sie anrufe, sofort anfängt zu reden und dann nicht mehr aufhört. Als hätte sie alles aufgespart.“
„Das kenne ich“, sagte mein Mann. „Mein Onkel ist ähnlich. Wenn ich ihn besuche, redet er die ganze Zeit.“
Anna nickte. „Das ist das Komische. Meine Mutter hat Freundinnen, sie geht zum Sport. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass da etwas fehlt.“
„Was fehlt?“, fragte ich.
„Ich glaube“, sagte Anna langsam, „es ist nicht die Menge. Es ist die Tiefe. Sie hat Leute, mit denen sie Kaffee trinkt, aber sie hat niemanden mehr, mit dem sie über das Wesentliche redet.“
Das Wort „das Wesentliche“ blieb bei mir hängen. Was Anna beschrieb, hat in der Soziologie einen Namen: schwache versus starke Bindungen. Der Soziologe Mark Granovetter prägte diese Unterscheidung in den 1970er Jahren. Schwache Bindungen sind die Beziehungen zu Bekannten, Nachbarn, Kollegen — Menschen, die man kennt, aber nicht gut kennt. Starke Bindungen sind die Beziehungen zu engen Freunden, Partnern, Familie — Menschen, denen man sich anvertraut, mit denen man die wichtigen Dinge teilt. Interessanterweise zeigt die Forschung, dass schwache Bindungen durchaus nützlich sind: Sie erweitern den Horizont, bringen neue Informationen und Möglichkeiten. Aber für das Gefühl, nicht einsam zu sein, scheinen starke Bindungen entscheidend zu sein.
Annas Mutter hat schwache Bindungen. Sie hat Leute für den Kaffee, für den Sport, für den oberflächlichen Austausch. Was ihr fehlt, ist die starke Bindung, die mit dem Tod ihres Mannes verloren ging. Und diese Lücke lässt sich nicht einfach durch mehr Kaffeeklatsch füllen.
Was die Situation älterer Menschen zusätzlich kompliziert, ist das, was Soziologen als „konvoy model“ des sozialen Netzwerks bezeichnen. Man stellt sich das Netzwerk eines Menschen als eine Karawane vor, die mit ihm durch das Leben zieht. Im Laufe des Lebens verändern sich die Mitglieder dieser Karawane: Manche kommen hinzu, manche fallen weg. Im hohen Alter nimmt die Karawane oft drastisch ab — durch Tod, durch Krankheit, durch Umzüge. Und anders als in jüngeren Jahren ist es im Alter schwieriger, neue Mitglieder für die Karawane zu rekrutieren. Die Gelegenheitsstrukturen — Arbeit, Schule, Vereine — fallen weg. Die Energie für den Aufbau neuer Beziehungen lässt nach. Und manche ältere Menschen haben das Gefühl, dass es sich nicht mehr lohnt, in neue Beziehungen zu investieren.
Mein Mann sagte später etwas, das mich überrascht hat. Er sagte: „Ich habe mich gefragt, ob Einsamkeit vielleicht auch etwas damit zu tun hat, wie man seine eigene Geschichte erzählt.“
„Was meinst du damit?“
„Na ja, wenn Anna sagt, ihre Mutter hat niemanden mehr, mit dem sie über das Wesentliche redet — dann ist das ja auch eine Frage davon, wem sie ihre Geschichte erzählen kann. Die Geschichte ihres Lebens, meine ich.“
Hier muss ich kurz die Perspektive wechseln, weil mein Mann selbst etwas beitragen möchte.
Ich erinnere mich an eine Zeit, als ich ungefähr fünfundzwanzig war. Ich hatte gerade meinen ersten richtigen Job angefangen, in einer Stadt, in der ich niemanden kannte. Ich hatte eine kleine Wohnung im vierten Stock, mit einem Balkon, auf dem genau ein Stuhl Platz hatte, und abends saß ich manchmal dort und schaute auf die Straße hinunter, auf die Autos und die Leute, die nach Hause gingen. Und ich wusste nicht genau, wer ich eigentlich war.
Das klingt dramatischer, als es sich angefühlt hat. Es war nicht so, dass ich in einer Krise steckte. Es war mehr so ein diffuses Gefühl von Unverbundenheit. Ich hatte Kollegen, mit denen ich mittags essen ging. Ich hatte Eltern, die ich am Wochenende anrief. Aber ich hatte niemanden, der wusste, wie ich wirklich ticke. Niemanden, dem ich meine Geschichten erzählen konnte.
Und mit Geschichten meine ich nicht Anekdoten. Ich meine die Geschichten, aus denen man sich selbst zusammensetzt. Die Erinnerungen, die erklären, warum man so geworden ist, wie man ist. Ich hatte zum Beispiel eine Erinnerung an meinen Großvater, der mir als Kind einmal einen Streich gespielt hatte. Diese Erinnerung war mir wichtig, weil sie etwas über Humor und Liebe sagte. Aber ich hatte niemanden, dem ich das erzählen konnte, und so blieb diese Erinnerung ungehört.
Ich glaube, das ist ein Teil von Einsamkeit, der oft übersehen wird. Es geht nicht nur darum, ob jemand da ist. Es geht auch darum, ob jemand da ist, der einen kennt. Der die eigene Geschichte kennt und sie anerkennt.
Hier übernehme ich wieder:
Was mein Mann da beschrieben hat, berührt ein Konzept, das in der Psychologie als narrative Identität bekannt ist. Die Idee, die vor allem auf den Psychologen Dan McAdams zurückgeht, besagt, dass Menschen ihr Selbstbild durch Geschichten konstruieren. Wir sind nicht einfach die Summe unserer Eigenschaften oder Handlungen, sondern wir sind die Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen. Diese Geschichte verknüpft unsere Vergangenheit mit unserer Gegenwart und unserer imaginierten Zukunft, sie gibt dem Leben Kohärenz und Sinn.
Die Forschung zeigt, dass Menschen, die in der Lage sind, eine kohärente, bedeutungsvolle Lebensgeschichte zu erzählen, tendenziell ein höheres psychisches Wohlbefinden haben. Ihre Geschichten haben oft eine bestimmte Struktur: Sie erkennen Tiefpunkte an, aber sie integrieren sie in eine übergreifende Entwicklung, in der aus Schwierigkeiten etwas Positives entstanden ist. McAdams nennt das „redemptive sequences“ — Erlösungssequenzen. Umgekehrt scheinen Menschen, deren Lebensgeschichten fragmentiert sind, voller unverarbeiteter Brüche und ohne erkennbaren roten Faden, häufiger mit Depressionen und Angststörungen zu kämpfen.
Was hat das mit Einsamkeit zu tun? Die Verbindung liegt darin, dass narrative Identität nicht im Vakuum entsteht. Wir erzählen unsere Geschichten immer jemandem — auch wenn dieser Jemand manchmal nur wir selbst sind. Aber die Geschichten gewinnen an Kraft und Realität, wenn sie von anderen gehört, bestätigt, manchmal auch infrage gestellt werden. Mein Mann auf seinem Balkon hatte niemanden, dem er seine Geschichten erzählen konnte. Und so begann er wahrscheinlich, an der Gültigkeit seiner eigenen Erfahrungen zu zweifeln. Ohne einen Zeugen fühlt sich das eigene Leben weniger real an.
Kulturell gibt es hier interessante Unterschiede. In westlichen, individualistisch geprägten Gesellschaften betonen Lebensgeschichten oft die persönliche Entwicklung, die eigenen Entscheidungen, die Einzigartigkeit des Individuums. Die Geschichte handelt davon, wie „ich“ zu dem geworden bin, der „ich“ bin. In kollektivistischer geprägten Kulturen — in Teilen Ostasiens, Afrikas, Lateinamerikas — steht dagegen häufiger die Einbettung in Beziehungen im Vordergrund. Die Geschichte handelt weniger von „mir“ als von „uns“: von der Familie, der Gemeinschaft, den Rollen, die man in einem größeren Ganzen spielt.
Diese kulturellen Unterschiede haben Auswirkungen darauf, wie Einsamkeit erlebt wird. Wenn mein Selbstbild stark auf Beziehungen aufgebaut ist, dann ist das Fehlen dieser Beziehungen besonders bedrohlich, weil es nicht nur einsam macht, sondern die eigene Identität infrage stellt. Wenn mein Selbstbild stärker auf Autonomie aufgebaut ist, ist Alleinsein vielleicht weniger bedrohlich — aber echte Verbundenheit vielleicht auch schwerer zu erreichen, weil sie weniger zentral für das Selbstverständnis ist.
Ein paar Tage nach dem Abendessen mit Anna saß ich am Schreibtisch und wollte einen Termin in den Kalender eintragen. Ich scrollte durch die Woche und sah, dass am Samstag nichts stand. Gar nichts. Ein leerer Tag. Und für einen kurzen Moment hatte ich ein seltsames Gefühl, so etwas wie Schwindel, aber innen.
Ich habe meinem Mann davon erzählt, und er hat gesagt: „Das ist doch gut, ein leerer Tag. Da können wir machen, was wir wollen.“
„Ja“, habe ich gesagt. „Aber was, wenn wir nicht wissen, was wir wollen?“
„Dann finden wir es raus.“
Diese kleine Szene brachte mich auf einen weiteren Aspekt der Einsamkeit, der selten diskutiert wird: die Rolle der Zeit. Einsamkeit und leere Zeit hängen eng zusammen. Studien zeigen, dass das Gefühl der Einsamkeit am stärksten ist in Momenten, in denen keine strukturierten Aktivitäten anstehen — an Wochenenden, an Feiertagen, in den Abendstunden. Die Struktur des Alltags — Arbeit, Termine, Verpflichtungen — füllt die Zeit und lenkt ab. Wenn diese Struktur wegfällt, tritt die Einsamkeit hervor, die darunter liegt.
Das erklärt vielleicht, warum der Übergang in den Ruhestand für manche Menschen so schwierig ist. Es geht nicht nur um den Verlust von Kollegenkontakten, sondern auch um den Verlust von Zeitstruktur. Plötzlich dehnt sich der Tag endlos, und jede Stunde muss selbst gefüllt werden. Für Menschen, die ihre Identität stark über ihre Arbeit definiert haben, ist das ein doppelter Verlust: der Verlust von Beziehungen und der Verlust von Sinn.
Interessanterweise zeigt die Forschung auch, dass die Wahrnehmung von Zeit bei einsamen Menschen verändert ist. Zeit fühlt sich länger an, wenn man einsam ist. Eine Stunde allein kann sich anfühlen wie drei. Diese subjektive Zeitdehnung verstärkt das Leiden, weil sie die Einsamkeit endloser erscheinen lässt, als sie objektiv ist.
Wir waren neulich im Park spazieren, an einem Sonntagnachmittag, als die Sonne schon tief stand und das Licht diese goldene Farbe hatte. Die Luft roch nach feuchtem Laub und ein bisschen nach Rauch. Wir gingen nebeneinander her und sahen einen Mann auf einer Bank sitzen. Allein. Er hatte einen kleinen braunen Hund bei sich, der neben ihm lag und schlief. Der Mann saß einfach da und schaute auf den See.
„Glaubst du, er ist einsam?“, flüsterte ich.
„Keine Ahnung“, sagte mein Mann. „Er sieht zufrieden aus.“
„Aber man kann zufrieden aussehen und trotzdem einsam sein.“
„Ja. Aber man kann auch allein sein und nicht einsam.“
Diese Unterscheidung zwischen Alleinsein und Einsamkeit ist grundlegend und wird oft verwischt. Alleinsein ist ein objektiver Zustand: die Abwesenheit anderer Menschen. Einsamkeit ist ein subjektives Erleben: das schmerzhafte Gefühl, dass die eigenen sozialen Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Man kann allein sein, ohne sich einsam zu fühlen — wenn das Alleinsein gewählt ist, wenn es als erholsam empfunden wird, wenn die inneren Ressourcen ausreichen, um die Zeit mit sich selbst zu genießen. Umgekehrt kann man sich inmitten von Menschen einsam fühlen, wenn die Qualität der Interaktionen die eigenen Bedürfnisse nicht erfüllt.
Die Fähigkeit, Alleinsein zu genießen, scheint eine eigene psychische Kompetenz zu sein, die manche Menschen mehr entwickelt haben als andere. Der britische Psychoanalytiker Donald Winnicott sprach von der „Fähigkeit, allein zu sein“ als einem Zeichen emotionaler Reife. Diese Fähigkeit entsteht, so Winnicott, paradoxerweise in der frühen Kindheit durch die Erfahrung, in Anwesenheit eines verlässlichen Anderen allein sein zu können. Das Kind, das in Sicherheit allein spielen kann, während die Mutter im Raum anwesend ist, lernt, dass Alleinsein nicht bedrohlich ist. Es internalisiert eine „gute innere Begleitung“, die es später in die Lage versetzt, auch ohne physische Anwesenheit anderer ein Gefühl von Verbundenheit zu bewahren.
Menschen, die diese Fähigkeit nicht entwickelt haben, erleben Alleinsein dagegen als bedrohlich. Sie brauchen die ständige Anwesenheit anderer, um sich sicher zu fühlen. Und paradoxerweise kann genau diese Bedürftigkeit andere abstoßen und so die Einsamkeit verstärken, die man zu vermeiden versucht.
Das hat mich an unseren Text über das Warten erinnert, den wir vor ein paar Monaten geschrieben haben, weil wir damals auch darüber nachgedacht haben, wie schwer es uns fällt, einfach nichts zu tun.
Am Abend habe ich die Kerze auf dem Küchentisch angezündet. Mein Mann machte Tee, und ich setzte mich auf meinen Stuhl und schaute der Flamme zu.
„Weißt du, was ich glaube?“, sagte ich.
„Hm?“
„Ich glaube, Einsamkeit ist beides. Mangel und Raum. Je nachdem.“
„Je nachdem, was?“
„Je nachdem, wie man reingeht.“
Die Frage, ob Einsamkeit ein Mangel oder ein Raum ist, lässt sich wissenschaftlich nicht eindeutig beantworten, weil sie von der Perspektive abhängt. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist Einsamkeit eindeutig ein Mangel, ein Warnsignal des Körpers, das uns antreibt, soziale Verbindungen zu suchen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das über Jahrtausende in Gruppen überlebt hat. Isolation bedeutete Gefahr. Das unangenehme Gefühl der Einsamkeit ist, in dieser Perspektive, so funktional wie der Schmerz bei einer Verletzung: Es motiviert zur Abhilfe.
Aber aus einer anderen Perspektive — einer philosophischen, spirituellen, vielleicht auch künstlerischen — kann Einsamkeit auch als Raum verstanden werden. Als ein Ort der Stille, in dem das Rauschen der Welt verstummt und etwas anderes hörbar wird. Viele der großen religiösen Traditionen kennen Praktiken des freiwilligen Rückzugs: die Wüstenväter des frühen Christentums, die meditativen Retreats des Buddhismus, die Einkehr der Mystiker. Auch in der Kunst gibt es eine lange Tradition, die Einsamkeit als Quelle von Kreativität und Selbsterkenntnis versteht. Rilke schrieb über die Notwendigkeit der Einsamkeit für den Künstler. Virginia Woolf forderte „ein Zimmer für sich allein“.
Der entscheidende Unterschied liegt vielleicht in der Freiwilligkeit. Gewählte Einsamkeit kann bereichernd sein, weil sie von einem sicheren inneren Ort ausgeht. Aufgezwungene Einsamkeit ist dagegen fast immer schmerzhaft, weil sie ein Defizit markiert. Und zwischen diesen beiden Polen gibt es viele Graustufen, Situationen, in denen die Einsamkeit teilweise gewählt und teilweise aufgezwungen ist, in denen man sich nach Verbindung sehnt und gleichzeitig den Rückzug sucht.
Mein Mann schaute hoch und lächelte, ohne etwas zu sagen. Ich lächelte zurück. Und für einen Moment war alles genau so, wie es sein soll.
Einsamkeit ist vielleicht nicht eine Sache, die man hat oder nicht hat. Sie ist eher ein Raum, den man manchmal betritt, ob man will oder nicht. Und was dort passiert, hängt von vielem ab. Davon, wer man ist. Davon, was man mitbringt. Davon, ob jemand draußen wartet. Davon, ob man es aushält, sich selbst zu begegnen, ohne wegzuschauen.
Draußen ist es dunkel. Ich höre, wie irgendwo eine Autotür zugeschlagen wird. Dann wieder Stille.