Ist das Selbst fest — oder eine Erzählung?

Es war an einem Samstagvormittag, und wir hatten eigentlich vorgehabt, endlich mal wieder die Wohnung gründlich aufzuräumen. Stattdessen saßen wir auf dem Boden im Schlafzimmer, umgeben von alten Kartons, die wir seit dem letzten Umzug nicht mehr geöffnet hatten. Ich hatte einen davon aufgemacht, nur um zu schauen, was da überhaupt drin war, und plötzlich lagen da Fotos. Hunderte. Lose in einer alten Schuhschachtel, manche verblasst, manche mit Eselsohren, manche mit Daten auf der Rückseite, die so weit zurücklagen, dass sie sich unwirklich anfühlten.

„Schau mal“, sagte ich und hielt ihm ein Foto hin. „Das bin ich. Mit siebzehn, glaube ich.“ Er nahm es, betrachtete es, lächelte. „Du hattest blaue Haare.“ „Hatte ich. Drei Monate lang. Meine Mutter hat es gehasst.“ Wir lachten beide. Aber dann schaute ich nochmal auf das Foto, länger diesmal, und es fühlte sich seltsam an. Dieses Mädchen mit den blauen Haaren, dem übergroßen Bandshirt und dem trotzigen Blick in die Kamera — war das wirklich ich?

Ich meine, natürlich war ich das. Ich erinnere mich an den Tag, an dem das Foto gemacht wurde. Draußen vor der Schule, mit Freunden, von denen ich die meisten heute nicht mehr sehe. Ich erinnere mich an das Gefühl, damals. Diese Mischung aus Rebellion und Unsicherheit. Diese Sehnsucht, jemand zu sein, der auffällt, der nicht einfach mitläuft. Und trotzdem. Wenn ich heute in den Spiegel schaue, dann sehe ich jemanden, der mit diesem Mädchen nicht mehr viel gemeinsam hat. Nicht äußerlich, nicht innerlich.

„Manchmal frage ich mich, ob ich noch dieselbe Person bin“, sagte ich. Er schaute von den Fotos auf, die er gerade durchblätterte. „Wie meinst du das?“ „Na ja“, sagte ich, „wenn ich mich heute anschaue und dann dieses Foto sehe — da liegen Welten dazwischen. Ich denke anders, ich fühle anders, ich will andere Dinge. Bin ich dann noch ich? Oder bin ich jemand anderes geworden?“

Er dachte einen Moment nach. „Ich glaube, du bist immer noch du. Nur eine ältere Version.“ „Aber was ist denn das ‚Ich‘?“, fragte ich. „Was ist das, was bleibt, wenn sich alles andere verändert?“

Wir haben dann den ganzen Vormittag mit den Fotos verbracht. Das Aufräumen war vergessen. Stattdessen sind wir durch die Jahre gereist. Alte Schulfotos, Urlaubsbilder, Bilder von Partys, von Familienfeiern, von Menschen, die nicht mehr da sind. Und je mehr wir schauten, desto stärker wurde dieses Gefühl: Wer sind wir eigentlich? Sind wir das, was wir waren? Das, was wir jetzt sind? Oder etwas dazwischen?

Später, beim Mittagessen — wir hatten uns irgendwann doch noch aufgerafft und waren in unser Stammlokal gegangen — haben wir weiter darüber gesprochen. „Ich habe mal gelesen“, sagte er, „dass das Selbst eigentlich eine Geschichte ist. Dass wir uns selbst immer wieder erzählen, wer wir sind. Und dass diese Geschichte sich verändert, je nachdem, wo wir gerade stehen.“

Das hat mich getroffen. Eine Geschichte. Nicht etwas Festes, nicht ein Kern, der immer gleich bleibt, sondern eine Erzählung, die wir über uns selbst konstruieren. Ich habe dann in den Tagen danach angefangen, darüber nachzulesen, und es gibt tatsächlich eine ganze Forschungsrichtung dazu. Narrative Psychologie nennt sich das. Die Idee ist, dass Menschen ihr Leben als Geschichte verstehen, als eine Art inneres Narrativ, das ihnen hilft, Sinn zu finden in dem, was passiert. Und dieses Narrativ ist nicht fest. Es verändert sich. Wir erinnern uns an die Vergangenheit nicht einfach so, wie sie war, sondern immer aus der Perspektive unserer Gegenwart.

Ein Psychologe, Dan McAdams heißt er, hat viel darüber geforscht. Er sagt, dass wir alle eine Art „Life Story“ haben, eine Geschichte, die wir über unser Leben erzählen. Und diese Geschichte formt unsere Identität. Sie bestimmt, wer wir glauben zu sein. Aber sie ist nicht objektiv. Sie ist eine Interpretation. Wir wählen aus, was wichtig war. Wir betonen manche Momente, lassen andere weg. Wir verbinden Ereignisse miteinander, die vielleicht gar nicht zusammengehören. Wir schaffen Muster, wo vielleicht nur Zufall war.

Ich habe das bei mir selbst bemerkt, als ich ein paar Tage später versucht habe, jemandem zu erzählen, wie ich zu dem geworden bin, was ich heute mache. Beruflich, meine ich. Und während ich erzählt habe, ist mir aufgefallen, wie sehr ich die Geschichte geglättet habe. Wie ich bestimmte Entscheidungen als logische Schritte dargestellt habe, obwohl sie damals alles andere als logisch waren. Wie ich Zufälle als Wendepunkte beschrieben habe. Wie ich eine Linie gezogen habe von dort nach hier, obwohl der Weg alles andere als eine gerade Linie war.

Aber das habe ich nicht absichtlich gemacht. Nicht bewusst gelogen oder geschönt. Ich habe einfach erzählt, so wie es sich für mich heute anfühlt. Und heute fühlt es sich an, als hätte alles einen Sinn gehabt. Als wäre ich immer schon auf dem Weg gewesen zu dem, wo ich jetzt bin. Aber stimmt das? War ich das wirklich?

Als ich das abends erzählt habe, hat er genickt. „Ja, das kenne ich. Ich mache das auch. Wenn mich jemand fragt, wie wir uns kennengelernt haben, dann erzähle ich das immer wie eine schöne Geschichte. Zufall, der richtige Moment, Schicksal fast. Aber eigentlich war es doch ziemlich unspektakulär, oder?“ Wir haben gelacht. Es stimmte. Wir hatten uns auf einer ziemlich langweiligen Party kennengelernt, beide eigentlich auf dem Weg nach Hause, beide nur noch da, weil wir es unhöflich fanden zu gehen. Und dann hatten wir uns an der Garderobe unterhalten, während wir unsere Jacken gesucht haben. Nichts Romantisches. Keine Liebe auf den ersten Blick. Nur ein Gespräch.

Aber wenn wir die Geschichte heute erzählen, dann ist da mehr drin. Dann war es besonders. Dann war es wichtig. Weil es heute wichtig ist, was damals begonnen hat. Wir erzählen die Vergangenheit so, dass sie zur Gegenwart passt.

Ich habe dann gelesen, dass das autobiographische Gedächtnis genau so funktioniert. Es ist nicht wie eine Festplatte, auf der Daten gespeichert sind, die man immer wieder abrufen kann. Es ist eher wie ein Buch, das wir jedes Mal neu schreiben, wenn wir uns erinnern. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass jedes Mal, wenn wir eine Erinnerung abrufen, diese Erinnerung im Gehirn neu kodiert wird. Und dabei verändert sie sich. Minimal vielleicht, aber sie verändert sich. Unsere Stimmung, unsere Gedanken, unsere jetzige Lebenssituation — all das fließt ein in das, woran wir uns erinnern.

Das bedeutet, dass die Person, die ich in meiner Erinnerung war, nicht unbedingt die Person ist, die ich tatsächlich war. Es ist die Person, die ich heute glaube gewesen zu sein. Und das ist ein Unterschied.

„Das ist irgendwie beunruhigend“, habe ich gesagt. „Als hätten wir gar keinen festen Boden unter den Füßen. Als wäre alles nur Interpretation.“ Er hat einen Moment nachgedacht. „Aber vielleicht ist das auch befreiend“, hat er dann gesagt. „Wenn wir nicht festgelegt sind auf das, was war, dann können wir uns auch verändern. Dann müssen wir nicht immer der sein, der wir gestern waren.“

Da war etwas dran. In vielen Kulturen, besonders in westlichen, gibt es diese Vorstellung von einem „authentischen Selbst“. Etwas, das im Inneren liegt und das wir entdecken müssen. „Sei du selbst“, sagen wir. „Finde heraus, wer du wirklich bist.“ Als gäbe es da einen Kern, eine Essenz, die nur darauf wartet, freigelegt zu werden. Aber was, wenn es diesen Kern gar nicht gibt? Was, wenn das Selbst eher etwas ist, das wir erschaffen, nicht etwas, das wir finden?

Ich habe über eine Studie gelesen, die kulturelle Unterschiede in der Selbstwahrnehmung untersucht hat. In vielen asiatischen Kulturen, so stand da, wird das Selbst nicht als etwas Festes verstanden, sondern als etwas Relationales. Das heißt, wer ich bin, hängt davon ab, in welchem Kontext ich mich befinde. Mit meiner Familie bin ich jemand anderes als mit Freunden. Bei der Arbeit bin ich jemand anderes als zu Hause. Und das ist nicht unehrlich oder falsch — das ist einfach, wie das Selbst funktioniert. Es ist flexibel, anpassungsfähig, kontextabhängig.

Im Westen dagegen wird diese Flexibilität oft als problematisch gesehen. Als würde man sich verstellen, wenn man sich in verschiedenen Situationen unterschiedlich verhält. Als müsste man immer gleich sein, um „authentisch“ zu sein. Aber ist das realistisch? Ist das überhaupt gesund?

Ich habe gemerkt, dass ich selbst diese Vorstellung hatte. Die Vorstellung, dass es ein „wahres Ich“ gibt und dass ich das finden und leben muss. Und dass ich versage, wenn ich mich mal anders verhalte, als ich es von mir gewohnt bin. Aber vielleicht ist das ein Irrtum. Vielleicht gibt es kein wahres Ich. Vielleicht gibt es nur verschiedene Versionen von mir, und alle sind echt.

„Erinnerst du dich“, habe ich eines Abends gesagt, „an diese Phase, in der du so besessen warst von Fotografie?“ Er hat gelacht. „Oh Gott, ja. Ich habe mir sogar ein teures Objektiv gekauft. Das liegt jetzt seit drei Jahren im Schrank.“ „Genau. Und damals hast du wirklich gedacht, das ist jetzt dein Ding. Du hast gesagt, du hast endlich gefunden, wofür du brennst.“ „Stimmt“, hat er gesagt und klang ein bisschen verlegen. „Und dann war es doch nicht so.“

Wir haben darüber geredet, wie oft uns das passiert. Dass wir etwas beginnen mit dem Gefühl: Ja, das ist es! Das ist, wer ich bin! Und dann, nach Wochen oder Monaten, merken wir: Nein, doch nicht. Und dann fühlen wir uns seltsam. Enttäuscht. Als hätten wir versagt. Aber vielleicht ist das ganz normal. Vielleicht ist das einfach Teil davon, ein Mensch zu sein, der sich entwickelt.

Es gibt einen Begriff dafür in der Soziologie: der „protean self“, benannt nach dem griechischen Gott Proteus, der seine Form ständig verändern konnte. Der Psychiater Robert Jay Lifton hat das beschrieben als eine moderne Form der Identität, die flexibel und wandelbar ist. In einer Welt, die sich schnell verändert, in der wir ständig neue Rollen einnehmen, neue Kontexte betreten, neue Versionen von uns selbst sein müssen, ist ein festes, unveränderliches Selbst vielleicht gar nicht mehr möglich. Oder sinnvoll.

Aber das erzeugt auch Unsicherheit. „Ich weiß manchmal wirklich nicht, wer ich bin“, habe ich gesagt. „Ich meine, ich weiß, was ich mag, was ich kann, was ich will. Aber wenn ich versuche, das in Worte zu fassen — wer ich bin —, dann wird es schwammig. Dann merke ich, dass ich verschiedene Antworten geben würde, je nachdem, wen ich frage oder wann.“

Er hat genickt. „Ich auch. Und weißt du, was mich daran am meisten irritiert? Dass ich früher dachte, mit dreißig oder vierzig hätte ich das geklärt. Dass ich dann wüsste, wer ich bin. Aber je älter ich werde, desto weniger weiß ich es.“

Das hat mich beruhigt. Nicht weil ich es gut fand, dass er es auch nicht weiß, sondern weil ich gemerkt habe: Das ist vielleicht normal. Vielleicht geht es nicht darum, irgendwann anzukommen bei einem festen Verständnis von sich selbst. Vielleicht ist das Selbst einfach etwas, das immer in Bewegung ist.

Ich habe dann an die Philosophie gedacht. An all die Denker, die sich mit der Frage beschäftigt haben, was das Selbst ist. Descartes mit seinem „Ich denke, also bin ich“ — als gäbe es ein denkendes Subjekt, das unabhängig von allem anderen existiert. Hume, der gesagt hat, dass es gar kein Selbst gibt, sondern nur ein Bündel von Wahrnehmungen, die wir fälschlicherweise als Einheit behandeln. Buddhistische Philosophie, die lehrt, dass das Selbst eine Illusion ist, an der wir leiden, weil wir krampfhaft versuchen, etwas festzuhalten, das nicht fest ist.

Das sind große Gedanken. Zu groß vielleicht für einen Dienstagabend in der Küche. Aber sie berühren etwas, das wir alle kennen, glaube ich. Dieses Gefühl, dass wir gleichzeitig jemand sind und niemand. Dass wir uns kennen und nicht kennen. Dass wir uns manchmal selbst überraschen.

„Letzten Monat“, habe ich erzählt, „bin ich jemandem begegnet, den ich seit der Uni nicht mehr gesehen habe. Und sie hat mich angeschaut und gesagt: ‚Du hast dich ja gar nicht verändert!‘ Und ich dachte: Doch. Ich habe mich total verändert. In fast allem. Aber für sie war ich immer noch die, die ich mit zweiundzwanzig war. Weil das die einzige Version von mir ist, die sie kennt.“

Das hat mir gezeigt, wie sehr unsere Identität auch davon abhängt, wie andere uns sehen. Der Soziologe George Herbert Mead hat darüber geschrieben. Er sagte, dass das Selbst entsteht durch soziale Interaktion. Dass wir lernen, wer wir sind, indem wir sehen, wie andere auf uns reagieren. Das „Ich“ und das „Mich“, wie er es nannte. Das „Ich“ ist spontan, kreativ, unvorhersehbar. Das „Mich“ ist das, wie wir von anderen gesehen werden, wie wir gelernt haben, uns selbst zu sehen. Und aus der Spannung zwischen beidem entsteht, was wir unser Selbst nennen.

Wenn ich mit meinen Eltern spreche, bin ich immer noch ein bisschen die Tochter. Auch wenn ich längst erwachsen bin, unabhängig, selbstständig. Aber in ihren Augen, und dadurch auch ein bisschen in meinen, bin ich immer noch das Kind, das ich mal war. Und das formt, wie ich mich verhalte, wenn ich mit ihnen zusammen bin. Ich rutsche in alte Muster. Ich reagiere auf Arten, die ich bei mir selbst nicht kenne, wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin.

„Ich glaube“, hat er gesagt, „dass das Selbst wie ein Kaleidoskop ist. Je nachdem, wie man schaut, sieht man ein anderes Bild. Aber es sind immer die gleichen Teile. Die ordnen sich nur immer wieder neu.“

Schönes Bild. Aber stimmt es? Sind es die gleichen Teile? Oder verändern sich auch die Teile? Ich bin nicht mehr dieselbe, die ich mit siebzehn war. Nicht nur äußerlich. Auch innerlich. Meine Werte haben sich verschoben. Meine Ängste sind andere. Meine Träume auch. Wenn ich heute an meine Zukunft denke, dann sehe ich etwas anderes als damals. Sind das die gleichen Teile, neu geordnet? Oder sind es inzwischen andere Teile?

Vielleicht ist die Frage falsch gestellt. Vielleicht geht es nicht darum, ob das Selbst fest ist oder nicht. Vielleicht geht es darum, dass es beides ist. Dass es eine Kontinuität gibt — etwas, das uns verbindet mit dem, der wir waren —, aber dass diese Kontinuität nicht Unveränderlichkeit bedeutet. Es gibt einen Faden, der sich durch unser Leben zieht. Aber der Faden ist nicht starr. Er ist flexibel, er bewegt sich, er passt sich an.

Ich habe das bei mir selbst gespürt, als ich kürzlich in einem alten Tagebuch gelesen habe. Ich habe mich an die Person erinnert, die das geschrieben hat. Ich konnte ihre Gedanken nachvollziehen, ihre Gefühle verstehen. Aber ich war nicht mehr sie. Ich habe mich weiterentwickelt. Und trotzdem gab es diese Verbindung. Diese Linie, die von ihr zu mir führt.

„Vielleicht“, habe ich gesagt, „ist das Selbst weniger ein Ding und mehr eine Bewegung. Weniger ein Sein und mehr ein Werden.“ Er hat mich angeschaut und gelächelt. „Das klingt philosophisch.“ „Ist es auch“, habe ich gelacht. „Aber es fühlt sich richtig an.“

Es gibt Momente, in denen ich mich sehr klar und stabil fühle. In denen ich weiß, wer ich bin, was ich will, wofür ich stehe. Und dann gibt es Momente, in denen alles verschwimmt. In denen ich nicht weiß, ob das, was ich gerade denke oder fühle, wirklich zu mir gehört oder nur eine momentane Laune ist. Und beide Zustände sind okay, glaube ich. Beide gehören dazu.

Was mich beruhigt, ist die Erkenntnis, dass ich nicht die einzige bin, die das so empfindet. Dass diese Unsicherheit nicht bedeutet, dass etwas mit mir nicht stimmt. Dass es menschlich ist, sich zu fragen, wer man ist. Dass die Suche nach dem Selbst vielleicht nie endet, weil das Selbst eben kein Ziel ist, sondern ein Weg.

In der Therapie, habe ich gelesen, arbeitet man oft mit der Idee der „Selbsterzählung“. Menschen, die durch schwere Zeiten gegangen sind, die Traumata erlebt haben, die Brüche in ihrem Leben hatten — sie verlieren manchmal den Faden. Ihre Geschichte ergibt keinen Sinn mehr. Und das ist extrem belastend. Therapie hilft ihnen dann, eine neue Geschichte zu erzählen. Eine, die das Erlebte integriert. Die zeigt: Ja, das ist passiert. Aber ich bin nicht zerbrochen. Ich bin immer noch ich. Oder vielleicht: Ich bin geworden, wer ich jetzt bin.

Das finde ich faszinierend. Dass wir Geschichten brauchen, um uns selbst zu verstehen. Dass unsere Identität narrativ ist, erzählerisch. Dass wir uns selbst erzählen, um zu existieren.

„Aber was ist dann“, habe ich irgendwann gefragt, „wenn die Geschichte, die wir uns erzählen, nicht stimmt? Wenn wir uns selbst belügen?“ Er hat überlegt. „Ich glaube, jede Geschichte ist eine Vereinfachung. Eine Interpretation. Es geht nicht darum, ob sie objektiv wahr ist. Es geht darum, ob sie uns hilft, zu leben.“

Vielleicht ist das der Punkt. Dass die Frage, ob das Selbst fest ist oder eine Erzählung, gar nicht beantwortet werden muss. Dass es genügt zu wissen: Wir sind nicht festgelegt. Wir können uns verändern. Wir können neue Geschichten über uns selbst erzählen, wenn die alten nicht mehr passen. Und gleichzeitig gibt es etwas, das bleibt. Eine Art innerer Kompass, eine Richtung, ein Gefühl von Zusammenhang.

Ich denke an diese blauhaarige Siebzehnjährige auf dem Foto. Und ich denke: Ja, das war ich. Und nein, das bin ich nicht mehr. Beides ist wahr. Sie ist Teil meiner Geschichte. Aber sie ist nicht meine ganze Geschichte. Und die Geschichte geht weiter. Sie ist noch nicht zu Ende.

Vielleicht ist das Selbst genau das. Nicht ein fester Punkt, nicht eine unveränderliche Essenz. Sondern eine Geschichte, die sich entfaltet. Die Überraschungen bereithält. Die Wendungen nimmt, die wir nicht vorhergesehen haben. Und wir sind gleichzeitig Erzähler und Hauptfigur, Autor und Leser. Wir erschaffen uns selbst, während wir uns erleben.

Und das ist vielleicht das Schönste daran. Dass wir nicht fertig sind. Dass wir nicht festgelegt sind. Dass es immer noch Raum gibt für neue Kapitel, für Veränderung, für Wachstum. Dass wir uns immer wieder neu erfinden dürfen, ohne das zu verlieren, was uns ausmacht.

Später, als wir im Bett lagen und ich noch wach war, habe ich gedacht: Morgen bin ich vielleicht schon wieder jemand anderes. Ein bisschen. In kleinen Nuancen. Und das ist okay. Das ist menschlich. Das ist leben.

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