Es war ein Donnerstagabend, und die Küche roch nach angebrannter Butter. Nicht schlimm angebrannt, nur so, dass man es gerade noch riechen konnte, wenn man nah genug am Herd stand. Ich hatte die Pfanne zu früh aufgesetzt, während Jan noch im Flur stand und die Schuhe aufräumte, und jetzt zog dieser leicht bittere, warme Geruch durch den Raum, und ich dachte an etwas, das ich seit Tagen nicht gesagt hatte.
Jan kam in die Küche, schob die Pfanne von der Platte und sah mich an.
„Du guckst so.“
„Ich guck nicht so.“
„Doch, du guckst so, als hättest du was auf der Zunge, es aber wieder runtergeschluckt.“
„Ich hab nachgedacht.“
„Worüber?“
„Über deinen Vater.“
„Was ist mit meinem Vater?“
„Nichts. Mir ist nur was eingefallen, was er letzten Sonntag gesagt hat. Und ich weiß nicht, ob er es ernst gemeint hat oder ob es so ein Satz war, den man halt sagt.“
„Was hat er gesagt?“
„Er hat gesagt: ‚Ihr wisst ja, wo ihr mich findet, wenn’s soweit ist.‘ Und dann hat er gelacht.“
Jan stellte das Öl zurück ins Regal und schwieg einen Moment. Das Licht über der Spüle summte leise, wie es das immer tat, seit wir die Lampe aus dem Baumarkt eingebaut hatten — dieses feine, fast unhörbare Brummen, das man nur abends hört, wenn alles still ist.
„Hat er das so gesagt?“, fragte Jan.
„Ich glaube schon. So ungefähr.“
„Ungefähr ist bei sowas aber wichtig.“
Dieser kurze Wortwechsel — „ungefähr ist bei sowas aber wichtig“ — blieb bei mir hängen, weil er auf etwas zeigt, das größer ist als dieser eine Abend. Wir tragen Sätze mit uns herum, die jemand anderes gesagt hat, und formen sie dabei um, ohne es zu wollen. Nicht weil wir lügen, sondern weil Sprache, wenn sie durch Erinnerung wandert, ihre Ränder verliert. Der Tonfall verschwindet zuerst. Dann die genauen Worte. Was bleibt, ist eine Art Stimmungsfossil: nicht das, was gesagt wurde, sondern wie es sich angefühlt hat, es zu hören. In der Psychologie gibt es dafür den Begriff der stimmungskongruenten Erinnerung — die aktuelle Gefühlslage färbt ein, was wir aus dem Gedächtnis abrufen. Ich hatte den Satz seines Vaters an einem nachdenklichen Tag gehört, und deshalb klang er in meiner Erinnerung schwer. Jan war an dem Nachmittag gut gelaunt gewesen, und bei ihm klang derselbe Satz wie ein Scherz. Keiner von uns hat falsch erinnert. Wir haben nur aus verschiedenen Stimmungen heraus verschiedene Versionen gebaut. Das ist kein Fehler des Gehirns, sondern seine normale Arbeitsweise. Erinnerung ist kein Abspielen, sondern ein Neu-Zusammensetzen, jedes Mal wieder, und jedes Mal ein kleines bisschen anders.
Das Ergebnis ist, dass ein Gedanke, den man nicht ausspricht, mit der Zeit nicht bleibt, wie er war. Er verändert sich innerlich weiter. Er nimmt die Farbe der Tage an, die vergehen, während man ihn still mit sich trägt. Was als sachliche Beobachtung angefangen hat — „Hat er das so gemeint?“ —, kann nach einer Woche Schweigen zu einer diffusen Sorge werden und nach einem Monat zu einem dumpfen Unbehagen, das man nicht mehr dem ursprünglichen Satz zuordnen kann. Der Gedanke ist dann nicht verschwunden, aber er ist unkenntlich geworden, eingewachsen in andere Gefühle, verwachsen mit dem Alltag, und man weiß manchmal nicht mehr, woher diese leichte Anspannung kommt, die man abends spürt, wenn man eigentlich müde genug zum Schlafen wäre.
Genau das war bei mir passiert. Vier Tage lang hatte ich den Satz seines Vaters mit mir herumgetragen, zwischen Wäsche und Besprechungen und dem kaputten Fahrradlicht. Und jetzt, in dieser Küche mit dem summenden Licht, war er plötzlich rausgefallen, ein bisschen formlos, ein bisschen zu spät, aber da.
Wir haben an dem Abend nicht mehr viel darüber gesprochen. Jan meinte, sein Vater rede manchmal so, und wir aßen, und es war gut so. Aber der Gedanke war nicht weg. Er war nur woanders hingegangen.
Wohin eigentlich? Das ist die Frage, die uns seitdem beschäftigt, und die sich nicht so leicht beantworten lässt, wie man denkt. Gedanken, die nicht ausgesprochen werden, haben keinen festen Ort. Sie sind nicht „im Kopf“ wie ein Gegenstand in einer Schublade. Die Kognitionsforschung beschreibt sie eher als Aktivierungsmuster — neuronale Verbindungen, die feuern und wieder leiser werden, aber nicht verschwinden, sondern unter der Schwelle des Bewusstseins weiterarbeiten. Man spürt das im Alltag, auch ohne den Fachbegriff zu kennen. Beim Einschlafen, wenn der Körper zur Ruhe kommt, aber der Kopf plötzlich Dinge ausspuckt, an die man seit Wochen nicht gedacht hat. Oder beim Einkaufen, wenn man vor einem Regal steht und sich fragt, warum einem gerade jetzt ein Gespräch von vor drei Wochen einfällt, obwohl man eigentlich nur Tomatenmark gesucht hat.
An einem Samstagvormittag, ein paar Wochen nach dem Abend mit der Butter, standen wir im Supermarkt in der Gemüseabteilung. Es war laut dort, diese typische Samstagslautstärke, Einkaufswagen, die gegen Regale stoßen, ein Kind, das irgendwo zwischen den Bananen weinte, und über allem dieses kalte Neonlicht, das alles ein bisschen zu deutlich macht. Jan hielt eine Avocado in der Hand und drückte sie vorsichtig, und dann sagte er, ohne Überleitung: „Ich hab übrigens letzte Woche fast meiner Mutter geschrieben, dass mich das mit dem Satz von Papa beschäftigt. Hab’s dann aber nicht gemacht.“
Ich blieb stehen, eine Tüte Karotten in der Hand, und spürte die Kälte der Gemüsetheke an meinem Unterarm. „Warum nicht?“
„Weil ich nicht wusste, wie ich anfangen soll. Also hab ich’s gelassen.“
Hinter uns schob jemand einen Einkaufswagen vorbei, ein Rad quietschte, und wir standen da wie zwei Leute, die sich im Weg stehen und nicht weitergehen, weil gerade etwas Wichtigeres passiert als einkaufen. Ich legte die Karotten in den Wagen, er legte die Avocado dazu, und wir gingen weiter zur Kasse, und zwischen uns war etwas leichter geworden, ohne dass wir es hätten benennen können.
Was uns an diesem Moment im Nachhinein auffiel, war der Ort. Nicht die Couch, nicht ein ruhiger Spaziergang, nicht ein geplantes „Wir müssen mal reden“, sondern eine Gemüseabteilung unter Neonlicht. Es gibt in der Sozialpsychologie die Beobachtung, dass persönliche Gespräche oft leichter fallen, wenn die Beteiligten nebeneinander stehen statt sich gegenüberzusitzen — also wenn der Augenkontakt beiläufig ist und nicht frontal. Autofahrten, Spaziergänge, gemeinsames Kochen: Situationen, in denen Körper beschäftigt sind und der Blick woanders hingehen darf, senken offenbar die Hemmschwelle, Dinge auszusprechen, die man sich im direkten Gegenüber verkneift. Das erklärt, warum bei uns die wichtigsten Gespräche nie am Esstisch stattfinden, sondern irgendwo dazwischen, zwischen Avocado und Karotten, zwischen Tür und Angel, zwischen zwei Atemzügen. Diese Momente planen sich nicht. Sie passieren, wenn die Aufmerksamkeit gerade woanders ist und das Unterbewusstsein eine Lücke findet, durch die es einen Gedanken nach oben drücken kann.
Wir haben ein paar Tage später — weil uns das Thema nicht losließ — einen Artikel gelesen, der beschrieb, wie Erinnerung eigentlich funktioniert. Und was wir da gelesen haben, hat das, was wir in der Küche erlebt hatten, nochmal in ein anderes Licht gerückt. Offenbar funktioniert das Gedächtnis nicht wie eine Kamera, die aufzeichnet und dann abspielen kann, was war. Es ist eher ein Prozess, der jedes Mal, wenn wir uns an etwas erinnern, die Erinnerung neu zusammensetzt. Das Gehirn rekonstruiert. Es nimmt Bruchstücke — ein Bild, eine Stimme, ein Gefühl — und baut daraus etwas, das sich nach einer vollständigen Szene anfühlt, es aber nicht unbedingt ist. Psychologen sprechen davon, dass Erinnerung stimmungskongruent arbeitet — der gegenwärtige Zustand formt die Vergangenheit mit, jedes Mal ein kleines bisschen anders. Und die Gedanken, die wir nicht aussprechen, werden Teil dieses Baumaterials. Sie werden miteingebaut, ohne dass wir es merken, in die nächste Erinnerung, in das nächste Gespräch, in die Art, wie wir jemanden ansehen oder eine Frage stellen. Jans Vater hatte einen Satz gesagt. Wir hatten zwei verschiedene Sätze gehört. Und die Wochen des Schweigens hatten beide Versionen noch weiter auseinandergetrieben.
Unsere Freundin Katrin war ein paar Wochen nach dem Supermarkt-Samstag bei uns zum Abendessen. Sie brachte Wein mit und den Geruch von Regen, weil es den ganzen Tag genieselt hatte — diesen weichen, erdigen Geruch, der in Jacken hängen bleibt und sich langsam im Flur ausbreitet. Wir saßen am Küchentisch, die Kerze war schon halb runtergebrannt, und irgendwann kamen wir auf das Thema ungesagte Dinge zu sprechen.
„Das Komische ist“, sagte Katrin und drehte das Weinglas in der Hand, „ich weiß gar nicht mehr genau, was ich sagen wollte. Aber ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat, es nicht zu sagen.“
„Das kenn ich“, sagte Jan. „Man erinnert sich nicht an den Satz, aber an das Gefühl in der Brust.“
„Ja, genau. So ein Druck. Nicht schlimm, aber da.“
„Und was hast du dann gemacht?“, fragte ich.
„Nichts. Ich hab es irgendwann vergessen. Also, ich dachte, ich hätte es vergessen. Aber letzte Woche haben wir telefoniert, und sie hat irgendwas gesagt, und plötzlich war alles wieder da. Wie so ein Pop-up.“
„Gedanken-Pop-up“, sagte Jan und grinste.
„Genau. Ungefragt, unpassend, mitten im Gespräch.“
Wir lachten, und draußen fuhr ein Auto vorbei, dessen Scheinwerfer kurz über die Küchenwand strichen. Die Kerze flackerte, weil jemand die Küchentür nicht richtig zugemacht hatte, und der Luftzug trug den Geruch von Katrins Parfüm herüber, etwas Holziges, etwas Warmes.
Was Katrin beschrieb — dieser „Druck in der Brust“, der bleibt, auch wenn der konkrete Inhalt verblasst —, das hat einen Namen in der Emotionsforschung. Man spricht von somatischen Markern, einem Konzept, das der Neurowissenschaftler António Damásio geprägt hat. Die Grundidee ist, dass Emotionen sich nicht nur im Kopf abspielen, sondern im Körper gespeichert werden — als Spannungen, als Wärme, als dieses schwer lokalisierbare Druckgefühl, das Katrin beschrieb. Der Körper erinnert sich an das, was der Verstand längst beiseitegelegt hat. Das erklärt, warum man manchmal in einer völlig harmlosen Situation plötzlich Unbehagen spürt und nicht weiß, woher es kommt: Der Körper reagiert auf ein Muster, das er wiedererkennt, auch wenn das Bewusstsein den ursprünglichen Auslöser längst vergessen hat. Unausgesprochene Gedanken hinterlassen solche Marker. Nicht als klare Sätze, sondern als körperliche Signaturen — ein Engegefühl im Hals, eine Schwere in den Schultern, eine bestimmte Art, den Atem flacher werden zu lassen. Der Gedanke geht also nirgendwohin. Er setzt sich im Körper ab.
Später, als wir abräumten, sagte Jan: „Komisch, dass Katrin dasselbe kennt.“ Und ich sagte: „Ich glaube, das kennt jeder.“ Und er nickte und stellte die Gläser in die Spüle, und eine Weile lang war nur das Geräusch von Wasser und Glas zu hören.
In dem Moment — und jetzt spreche ich, Jan, aus meiner Sicht, weil manche Dinge sich nur aus einer einzelnen Perspektive erzählen lassen — habe ich angefangen, mich zu fragen, ob das Nicht-Aussprechen bei mir anders funktioniert als bei Lisa. Nicht grundsätzlich anders, aber in einer Weise, die mit dem zu tun hat, wie ich aufgewachsen bin, was mir als Junge beigebracht wurde und was nicht.
Ich erinnere mich an einen Nachmittag im letzten Herbst, an dem ich allein zuhause war. Draußen war es grau, nicht kalt, aber feucht, und ich saß am Schreibtisch und las auf meinem Handy eine alte Nachricht, die ich meinem Bruder vor Monaten geschrieben hatte. Nichts Besonderes, nur eine Antwort auf eine Frage wegen eines Geburtstags. Ich hatte geschrieben: „Passt, sag Bescheid.“ Zwei Worte und ein Punkt. Und an diesem Nachmittag, die Kühle des Schreibtischs unter meinen Handballen, fiel mir auf, was ich nicht geschrieben hatte: „Ich finde es schön, dass du fragst.“ Oder: „Ich vermisse das, dass wir sowas zusammen planen.“ Der Satz war da gewesen, in meinem Kopf, während ich tippte. Aber er hatte es nicht auf den Bildschirm geschafft.
Ich frage mich manchmal, wie viele solcher Sätze in meinem Handy fehlen. In Nachrichten, in denen ich sachlich war, wo ich hätte wärmer sein können.
Was mich an dieser Szene beschäftigt hat, geht über eine einzelne Nachricht hinaus. Es gibt in der Kommunikationsforschung eine Unterscheidung zwischen expressiver und instrumenteller Sprache. Expressive Sprache drückt aus, was jemand fühlt. Instrumentelle Sprache löst ein Problem, beantwortet eine Frage, organisiert einen Ablauf. „Passt, sag Bescheid“ ist rein instrumentell. Die Information ist übermittelt, die Aufgabe erledigt. Aber die emotionale Ebene — die Freude, die Verbundenheit, das „Schön, dass du da bist“ — bleibt stumm. Studien zur Kommunikation in Partnerschaften zeigen, dass diese emotionale Ebene langfristig entscheidender ist als die sachliche. Nicht die Informationen, die man austauscht, halten eine Beziehung zusammen, sondern die emotionalen Signale, die man mitschickt — oder eben nicht mitschickt. Und das Nicht-Mitschicken ist dabei interessanterweise kein neutraler Zustand. Es wird vom Gegenüber wahrgenommen, wenn auch nicht immer bewusst. Mein Bruder hat wahrscheinlich nicht gedacht: „Jan hat mir kein warmes Gefühl mitgeschickt.“ Aber irgendwo, auf einer Ebene unterhalb bewusster Gedanken, registriert das Gehirn den Unterschied zwischen einer Nachricht, die Wärme enthält, und einer, die funktioniert, aber leer ist. Über Monate und Jahre summieren sich diese Leerstellen.
Männer reden angeblich weniger über Gefühle als Frauen. Ob das stimmt, weiß ich nicht, weil ich nur mich kenne und nicht alle Männer. Die Forschungslage dazu ist ohnehin differenzierter, als der Alltagssatz vermuten lässt. Studien zeigen, dass Männer nicht weniger fühlen, aber häufiger das verwenden, was Psychologen als externalisierte Emotionsverarbeitung bezeichnen — sie handeln, statt zu sprechen. Reparieren etwas, kümmern sich um ein praktisches Problem, bringen Tee. Die Emotion ist da, aber sie nimmt den Weg über die Hände statt über die Stimme. Was ich aber an mir selbst beobachte, ist, dass das Nicht-Aussprechen bei mir selten damit zu tun hat, dass ich nichts empfinde. Es hat damit zu tun, dass mir die Worte zu langsam kommen. Das Gefühl ist schon da, aber die Sprache hinkt hinterher, und bis sie aufgeholt hat, ist der Moment vorbei, und es fühlt sich seltsam an, etwas nachzureichen, das eigentlich vorhin gepasst hätte. Wie ein Witz, den man zu spät erzählt. Er stimmt noch, aber der Rhythmus ist weg. Also koche ich abends ungefragt Tee. Hole eine Decke aus dem Schrank und lege sie über Lisas Beine. Das sind keine Ersatzhandlungen. Es sind die Sätze, die ich nicht sage, in anderer Form.
Ob das genug ist, muss jeder für sich wissen. Ich entscheide mich gerade dafür, es als einen Anfang zu sehen, nicht als eine Grenze.
Lisa hat mir mal gesagt, dass sie manchmal am Morgen weiß, was mich beschäftigt, bevor ich es selbst weiß. Eine bestimmte Art, den Kiefer zu halten. Eine bestimmte Stille beim Kaffeetrinken. Sie sagt, es sei kein Schweigen, das sie stört, sondern eines, das sie aufmerksam macht. Und damit beschreibt sie etwas, das die Kommunikationsforschung seit Jahrzehnten untersucht: den Anteil nonverbaler Signale an dem, was zwischen zwei Menschen passiert. Die genauen Zahlen sind umstritten — die oft zitierte 93-Prozent-Regel von Albert Mehrabian wird regelmäßig aus dem Kontext gerissen —, aber die Grundbeobachtung bleibt stabil: Wenn jemand etwas nicht sagt, heißt das nicht, dass nichts kommuniziert wird. Mimik, Körperhaltung, Atemrhythmus, die Art, wie jemand eine Tasse hält oder einen Raum betritt — all das sendet Signale, die das Gegenüber wahrnimmt, oft unbewusst. In langjährigen Beziehungen verdichtet sich diese Wahrnehmung. Partner entwickeln, was manche Forscher als „empathische Genauigkeit“ bezeichnen: die Fähigkeit, die inneren Zustände des anderen auch ohne Worte einzuschätzen. Sie lesen nicht Gedanken, sondern Muster. Und unausgesprochene Gedanken erzeugen Muster, die sich vom normalen Grundrauschen unterscheiden — eine minimal veränderte Stimmlage, ein Zögern vor dem ersten Schluck Kaffee, ein Blick, der eine Sekunde zu lang an der Wand hängen bleibt.
Es gibt in unserem Flur einen kleinen Notizblock, der an einem Haken neben dem Schlüsselbrett hängt. Er ist eigentlich für Einkaufszettel gedacht, aber manchmal stehen da andere Dinge drauf. Letzten Monat fand ich einen Zettel in Lisas Handschrift: „Jan fragen: Bruder? Geburtstag.“ Drei Worte, ein Fragezeichen. Sie hatte sich selbst eine Notiz gemacht, mich etwas zu fragen, was sie nicht vergessen wollte, aber für das sie noch nicht den richtigen Moment gefunden hatte. Dieser Zettel hing da bestimmt eine Woche, bevor einer von uns darüber sprach. Ein Zettel am Haken. Eine Zwischenstation für einen Gedanken, der noch nicht fertig war.
Dieser Notizzettel ist eigentlich ein schönes Bild dafür, was mit unausgesprochenen Gedanken passiert: Sie suchen sich Zwischenformen. Nicht Sprache, aber auch nicht Schweigen, sondern etwas dazwischen — eine Geste, eine Notiz, ein bestimmtes Verhalten, das dem Gedanken erlaubt, da zu sein, ohne schon ausformuliert sein zu müssen. Die Psychoanalytikerin D.W. Winnicott hat dafür den schönen Begriff des Übergangsraums geprägt, eigentlich für die kindliche Entwicklung, aber die Idee passt auch hier: ein Raum zwischen Innen und Außen, in dem Dinge eine Form annehmen dürfen, bevor sie endgültig werden.
Nachdem uns das Thema so beschäftigt hatte, sind wir irgendwann auf etwas gestoßen, das in der Psychologie als narrative Identität beschrieben wird. Das Konzept besagt im Kern, dass Menschen sich selbst als eine Art Geschichte erzählen — nicht bewusst, nicht wie einen Roman, sondern als eine fortlaufende innere Erzählung, die zusammenhält, wer man ist, woher man kommt und wohin man sich entwickelt. Diese Geschichte besteht aus Erinnerungen, die man auswählt — und aus Erinnerungen, die man weglässt. Und genau da werden die unausgesprochenen Gedanken interessant. Denn sie sind oft die Dinge, die nicht in die offizielle Version passen, die man von sich selbst erzählt. Der Satz, den man nicht gesagt hat, weil er nicht zum Selbstbild passt, oder das Gefühl, das man unterdrückt hat, weil es einen verunsichert hätte. In westlichen Kulturen ist diese Selbstgeschichte stark auf Individualität ausgerichtet — wer bin ich, was will ich, was macht mich besonders. In anderen Kulturräumen, etwa in vielen ostasiatischen oder kollektivistisch geprägten Gesellschaften, ist die Selbstgeschichte stärker relational aufgebaut. Die eigene Identität definiert sich weniger über persönliche Einzigartigkeit und mehr über Zugehörigkeit und Beziehungen. Das Nicht-Aussprechen hat dort manchmal eine ganz andere Bedeutung — es kann Respekt sein, Rücksichtnahme, ein bewusstes Zurückhalten zugunsten der Gruppe. Während wir in unserem Kontext das Gefühl haben, dass ungesagte Gedanken eine Art kleines Versagen sind — „Ich hätte es sagen sollen“ —, gibt es kulturelle Kontexte, in denen das Schweigen eine eigene Würde hat und nicht repariert werden muss.
Das hat mich an unseren Text über die Frage erinnert, warum manche Stille zwischen zwei Menschen warm ist und andere kalt.
Der Zettel am Haken, die Nachricht, die zu kurz war, Katrins „Druck in der Brust“ — sie alle zeigen dasselbe aus verschiedenen Winkeln: Gedanken, die wir nicht aussprechen, verschwinden nicht. Sie wandern. In den Körper, in die Erinnerung, in kleine Handlungen. Und sie verändern sich dabei, nehmen andere Formen an, werden manchmal leiser und manchmal lauter, aber sie gehen nicht weg.
Neulich abends lagen wir auf dem Sofa, jeder mit einem Buch, und das Licht der Stehlampe warf einen warmen Kreis auf die Decke, und draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, dieses vertraute Rumpeln.
„Jan?“
„Hm?“
„Denkst du gerade was?“
„Immer.“
„Was?“
„Gerade denke ich, dass der Tee kalt geworden ist und dass ich zu faul bin, aufzustehen.“
„Und davor?“
Er legte das Buch auf die Brust und sah an die Decke. „Davor hab ich an den Samstagmorgen gedacht, an dem wir bei deinen Eltern waren und dein Vater diesen Witz gemacht hat, über den nur er gelacht hat. Und ich hab mich gefragt, ob ich ihm irgendwann mal sagen sollte, dass ich den Witz eigentlich gut fand, aber nicht gelacht hab, weil alle anderen so still waren.“
„Das ist jetzt fast ein Jahr her.“
„Ja.“
„Und du denkst jetzt daran?“
„Der Gedanke war die ganze Zeit da. Er hat nur gerade Platz gefunden.“
Ich zog die Decke etwas höher und hörte die Straßenbahn um die Kurve fahren, dieses langgezogene Quietschen, das nach Abend klingt. Der Gedanke war die ganze Zeit da. Er hat nur gerade Platz gefunden. Das ist vielleicht der ehrlichste Satz, den einer von uns je über das Nicht-Aussprechen gesagt hat. Gedanken warten nicht auf Mut. Sie warten auf Platz. Auf einen Moment, der weich genug ist, um sie aufzunehmen, ohne dass sie zerbrechen.
Nicht jeder davon muss ausgesprochen werden. Manche dürfen bleiben, wo sie sind. Manche werden zu Gesten, zu einer bestimmten Art, jemandem über den Rücken zu streichen oder morgens den Kaffee hinzustellen, ohne gefragt zu werden. Und manche kommen raus, irgendwann, zwischen Avocado und Karotten, zwischen zwei Büchern auf dem Sofa, zwischen einem kalten Tee und einem Witz, über den nur einer gelacht hat.
Manchmal reicht ein Zettel am Haken. Manchmal reicht eine Avocado, die man zu fest drückt. Manchmal reicht es, abends nebeneinander zu liegen und zu wissen, dass der andere auch gerade denkt, ohne zu wissen, was.