Warum glauben wir an das „Irgendwann“?

Es gibt einen Wandkalender in unserer Küche, der streng genommen schon längst weg sollte. Drei Jahre hängt er da, Landschaftsbilder aus der Eifel, diese sanfte Hügeligkeit in verschiedenen Jahreszeiten. Wir haben ihn damals in einem Hofladen mitgenommen, direkt neben dem selbstgemachten Apfelgelee, das nach altem Holz und Sonnenwärme roch, und ich weiß noch, wie ich dachte: Wenn wir so einen Kalender kaufen, dann sind wir Menschen, die solche Dinge kaufen. Das war kein bewusster Gedanke. Er war einfach da, flüchtig wie der Geruch von frisch geschnittenem Gras.

Am 17. März irgendeines Jahres – ich erkenne die Handschrift als meine eigene, diese leicht nach rechts kippenden Kugelschreiber-Buchstaben – steht dort geschrieben: „Irgendwann: Spanisch lernen.“ Der Eintrag ist verblasst, wie alle Tinte verblasst, wenn die Jahre drüberziehen. Ich stand an jenem Abend vor diesem Kalender, die Hände noch feucht vom Abwasch, und las diese drei Wörter so, als würde ich sie zum ersten Mal sehen. Irgendjemand anderes schien sie geschrieben zu haben. Jemand, der noch daran glaubte, dass die Zukunft sich nach seinen Plänen richten würde.

Meine Frau stand am Herd. Sie rührte in einem Topf Linsensuppe, der Dampf stieg auf und beschlug kurz ihre Brille, und als sie die Gläser abnahm, um sie am Ärmel zu wischen, sah sie aus wie jemand, der gerade aus einer anderen Zeit zurückgekehrt ist. Ich zeigte auf den Kalender. Sie las, sagte nichts, und in diesem Schweigen war alles: das Erkennen, das milde Belustigt-Sein, die Vertrautheit mit diesem speziellen Versagen, das wir beide teilen wie eine gemeinsame Sprache. „Das wolltest du doch schon, als wir uns kennengelernt haben“, sagte sie schließlich. Fünfzehn Jahre, sagte ich. Sechzehn, sagte ich dann, weil Genauigkeit in solchen Momenten das einzige ist, worüber man noch Kontrolle hat.

Sie kam mit einem kleinen Notizblock zurück, dem ich nie besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Auf der ersten Seite, in ihrer runden, zuversichtlichen Schrift: „Dinge für irgendwann.“ Töpferkurs. Schwimmbad. Den Keller aufräumen. Der Keller ist ein Ort, den wir beide meiden, nicht weil dort Schimmel wäre oder Spinnen – obwohl, Spinnen gibt es sicher –, sondern weil dort alles lagert, was wir nicht wegwerfen wollen und nicht gebrauchen können. Ein Heimtrainer, der einmal Körper und Zukunft verkörpern sollte und nun bloß Metall ist. Zeitschriften, in denen ich Artikel lesen wollte, die inzwischen niemanden mehr interessieren.

„Irgendwann“, sagte meine Frau, und es klang nicht wie eine Aussage, sondern wie das Aufmachen einer Tür in einen Raum, den wir beide kannten.

Was mich an diesem Abend beschäftigt hat – und was mich seither nicht loslässt –, ist nicht das Aufschieben selbst. Aufschieben kennt jeder. Es ist diese eigenartige Qualität, die das Wort trägt. „Irgendwann“ klingt nicht nach Scheitern. Es klingt nach offenem Horizont. Es ist ein Versprechen ohne Datum, eine Hypothek auf eine Zukunft, die immer bewohnbar bleibt, weil man sie nie wirklich betritt. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was dieses Wort leistet – und was es kostet.

Die Psychologie hat für das, was ich meine, einen etwas sperrigen Begriff: den Optionswert. Die Grundidee ist verblüffend simpel: Eine Möglichkeit hat Wert, solange sie offen ist – unabhängig davon, ob wir sie je nutzen. Das bloße Wissen, etwas tun zu können, erzeugt ein Gefühl von Kontrolle und Freiheit, einen psychologischen Spielraum, den wir nie betreten müssen, um seinen Komfort zu spüren. Das erklärt, warum meine Frau den Töpferkurs seit Jahren auf ihrer Liste behält, obwohl sie genau weiß – und das weiß sie –, dass sie ihn nicht machen wird. Es geht nicht um den Kurs. Es geht darum, jemand zu sein, der so etwas tun könnte. Die Möglichkeit ist wertvoller als die Umsetzung, weil sie keine Enttäuschung kennt. Ein vorgestellter Töpferkurs ist immer perfekt organisiert, mit netten Menschen, guter Akustik, einer Lehrerin mit ruhigen Händen.

Draußen regnete es an jenem Samstag, als wir vom Einkaufen zurückkamen. Der Supermarkt war voll gewesen, diese typische Stimmung um halb vier: Menschen, die langsam schieben und doch irgendwie drängen, diese stumme Choreografie der Wartenden. Ich hatte eine Weile in der Schlange gestanden und ein älteres Paar beobachtet, das gemeinsam den Einkaufswagen schob. Sie sprachen nicht. Aber hin und wieder berührte er mit dem Handrücken ihr Handgelenk – eine Geste, die so kurz war, dass man sie fast nicht sah. Ich dachte: Das sind Menschen, die aufgehört haben, Dinge irgendwann zu tun. Die einfach da sind. Jetzt. Ob das stimmt, weiß ich natürlich nicht. Ich habe mir das nur so erzählt, weil ich es in dem Moment brauchte.

Im Auto schlugen die Scheibenwischer gleichmäßig, das Wasser lief in schmalen Bahnen über das Glas, und meine Frau sagte: „Ich glaube, wir brauchen das Irgendwann, weil es uns etwas gibt, ohne dass wir etwas dafür tun müssen.“ Ich fragte, was sie meinte. Sie überlegte, sah auf die nassen Straßen hinaus. „Wenn ich sage, ich mache irgendwann einen Töpferkurs, dann bin ich schon jemand, der so etwas macht. Ich muss es nicht wirklich tun.“ Dann schwieg sie kurz, und ich hörte das Rauschen der Reifen auf nassem Asphalt. „Es ist eine Geschichte“, sagte sie. „Die ich mir über mich erzähle.“

Dieser Satz hat mich nicht losgelassen, weil er so beiläufig gesprochen wurde und so präzise war. Was sie beschrieb, ohne es beim Namen zu nennen, ist das, was Psychologen als narrative Identität bezeichnen: die Idee, dass wir unser Ich nicht als Sammlung von Fakten und Eigenschaften verstehen, sondern als Geschichte. Wir sind die Hauptfiguren dieser Geschichte, und alles – was wir getan haben, was wir hätten tun sollen, was wir irgendwann tun werden – wird Teil der Erzählung. Wir wählen aus, was wichtig ist. Wir interpretieren Rückschläge als dramatische Wendepunkte oder als stille Niederlagen, je nachdem, welchen Ton wir dem Kapitel geben wollen. Und wir fügen Elemente hinzu, die noch gar nicht passiert sind, aber schon im Inhaltsverzeichnis stehen: Spanisch. Töpfern. Der aufgeräumte Keller.

Das „Irgendwann“ ist so ein Element. Es ist ein Kapitel ohne Seitenangabe. Es sagt: Hier geht es weiter. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Das hat mich an das erinnert, was wir neulich über Entscheidungen geschrieben haben – darüber, wie viel von dem, was uns wirklich prägt, sich zwischen den Plänen ereignet, in den ungeplanten Momenten, in denen wir nicht wissen, dass gerade etwas passiert. Das „Irgendwann“ ist das Gegenteil davon: Es ist der Plan für das Leben, das wir führen könnten, und genau darin liegt seine Funktion. Es hält die Version von uns am Leben, die wir noch werden wollen.

Es gibt eine verwandte Beobachtung aus der Gedächtnisforschung, die mich beim ersten Lesen überrascht hat, dann aber sofort einleuchtete. Wir stellen uns Erinnerungen gerne wie Fotografien vor – unveränderliche Abdrücke vergangener Augenblicke. Aber so funktioniert das Gehirn nicht. Jedes Mal, wenn wir eine Erinnerung abrufen, wird sie neu zusammengesetzt. Sie ist formbar. Sie trägt die Farbe unserer aktuellen Stimmung, unserer Erwartungen, der Geschichte, die wir gerade über uns erzählen. Was wir zu erinnern glauben, ist zum Teil eine Konstruktion – nicht Lüge, sondern Interpretation, die rückwirkend Sinn erzeugt. Die Vergangenheit, die wir zu kennen meinen, wurde von unserer Gegenwart mitgebaut.

Das „Irgendwann“ profitiert davon in beide Richtungen. Es liegt noch in der Zukunft, also ist es von der Realität noch unberührt – reine Möglichkeit, reine Vorstellung. Aber auch die Erinnerungen an das, was wir hätten tun sollen und nie getan haben, werden mit jedem Abruf neu gefärbt. Die Spanisch-Apps, die ich geladen und nie geöffnet habe, erscheinen mir manchmal als Zeugnis von Faulheit, manchmal als Ausdruck einer vernünftigen Prioritätensetzung, manchmal als kleines, nie eingelöstes Versprechen an eine jüngere Version meiner selbst. Es liegt immer an dem Nachmittag, an dem ich es abrufe.

Neulich war unsere Freundin Miriam zu Besuch. Sie hatte Apfelkuchen gebacken, der noch warm war und nach Zimt und verbranntem Zucker roch; draußen war es schon kurz nach halb sechs dunkel, dieses frühherbstliche Dunkelwerden, das einen nie wirklich überrascht und doch immer ein bisschen traurig macht. Meine Frau erzählte von dem Notizblock, und Miriam lachte sofort – nicht weil es lustig wäre, sondern weil es vertraut war. „Ich hab auch so eine Liste“, sagte sie. „Tanzkurs. Ins Theater. Ein Wochenende allein.“ – „Warum machst du’s nicht?“ – „Es ist nie der richtige Moment. Aber ich könnte es jederzeit.“ Dieses letzte Wort hing im Raum: könnte. Nicht: werde. Nicht: will. Könnte.

Was Miriam beschrieb, deckt sich mit einer Unterscheidung, die in der Sozialpsychologie gut belegt ist: die zwischen Leistungszielen und Identitätszielen. Ein Leistungsziel hat einen Endpunkt. Zehn Kilo abnehmen. Eine Sprache lernen. Den Keller aufräumen. Wenn ich es erledige, ist es erledigt. Wenn ich es nicht erledige, bin ich gescheitert. Ein Identitätsziel hat keinen Endpunkt – es beschreibt eine Person, nicht eine Aufgabe. Jemand zu sein, der auf seine Gesundheit achtet. Jemand, der offen für Neues ist. Jemand, der Sprachen lernt. Das erste kann scheitern. Das zweite scheitert nur, wenn man aufhört, daran zu glauben. Das „Irgendwann“ vollzieht diese Verschiebung still und ohne Ankündigung: aus einem Ziel wird eine Identitätsaussage, aus dem Noch-nicht ein Schon-immer.

Ich war auf dem Weg zur Arbeit, als ich daran dachte. Ein Dienstagmorgen, grau und dicht bewölkt, die Luft nach Regen und Diesel. Am Bahnhof stand ein Mann, Ende fünfzig vielleicht, der auf sein Handy schaute und dabei eine Tüte mit Äpfeln hielt, locker, als hätte er vergessen, dass er sie trägt. Er sah aus wie jemand, der gerade an etwas gedacht hat, das ihm nicht mehr einfällt. Ich weiß nicht warum, aber ich dachte: Irgendwann. Irgendwann fiel auch ihm etwas ein, das er längst hätte tun sollen.

Hier möchte ich eine Weile aus meiner eigenen Perspektive schreiben, auch wenn das schwieriger ist, als es klingt. Es gibt eine spezifische Art, auf das eigene „Irgendwann“ zu schauen, die ich lange nicht benennen konnte, weil sie zu nah war. Ich bin jemand, der Dinge gerne in Strukturen denkt. Wenn ich ein Problem sehe, suche ich instinktiv nach Ursachen, nach Mechanismen, nach dem, was das Problem erzeugt und was es aufrechterhalten könnte. Das hat Vorteile. Es hat auch den Nachteil, dass man die Dinge, die sich dieser Mechanik entziehen, sehr lang vor sich herschieben kann – weil man noch nicht ganz verstanden hat, wie sie funktionieren.

Mein „Irgendwann“ hatte lange diesen analytischen Rahmen. Wenn ich sagte: Irgendwann mache ich das, dann war damit gemeint: Irgendwann habe ich alle Variablen geklärt, alle Bedingungen optimiert, den richtigen Moment identifiziert. Ich erkannte nicht sofort, dass dieser Moment nie kommen würde. Nicht weil die Bedingungen sich nicht verbessern, sondern weil das Warten auf optimale Bedingungen selbst eine Form der Entscheidung ist. Die Entscheidung, nicht zu entscheiden.

Ich erinnere mich an einen Abend in meinem Büro, vor ein paar Jahren. Es war spät, halb acht, und draußen warfen die Straßenlaternen orangefarbenes Licht auf den nassen Bürgersteig. Es hatte geregnet, der Asphalt glänzte wie poliertes Leder. Ich dachte an meinen Vater. Er war nicht lange zuvor gestorben, relativ plötzlich, wie das bei bestimmten Diagnosen trotz allem passiert – man weiß es und ist doch nicht vorbereitet. Es gab Dinge, die ich ihm nie gesagt hatte. Nicht aus Gleichgültigkeit. Aus dem Irgendwann. Irgendwann frage ich ihn nach seiner Kindheit. Irgendwann sage ich ihm, dass ich froh bin, dass er mein Vater war. Ich dachte damals, es gebe keinen Grund zur Eile. Er war doch da. Noch.

Was mich an jenem Abend am deutlichsten traf, war die Erkenntnis, dass das „Irgendwann“ nicht immer gleichgültig ist. Es kann auch Schutzreflex sein. Ein Weg, etwas Wichtiges auf Abstand zu halten, weil die Nähe Angst macht – die Angst vor dem falschen Wort, der unbeholfenen Pause, der Unbeholfenheit selbst. Ich war nicht sicher, wie dieses Gespräch mit meinem Vater verlaufen würde. Was, wenn es merkwürdig wurde? Was, wenn er gar nicht wollte, dass ich so mit ihm sprach? Das Irgendwann bot eine elegante Lösung: Das Gespräch blieb perfekt, weil es nie stattfand.

Psychologen nennen das Prinzip dahinter psychologische Distanz. Je weiter etwas zeitlich entfernt erscheint, desto abstrakter und idealer denken wir darüber nach. Das ist kein Fehler im System; es ist das System. Abstraktion ist energiesparender als Konkretheit. Aber diese Effizienz hat ihren Preis. Wenn das Irgendwann näher rückt, wenn es zum Bald oder Nächste Woche wird, tauchen plötzlich all die Schwierigkeiten auf, die wir in der Abstraktion weggelassen hatten. Die Grammatikübungen, die vergessenen Vokabeln, die Frustration. Der mögliche Widerstand des Gesprächspartners. Und dann schieben wir es wieder weg – zurück in die sichere, komfortable Ferne, wo es keine Einzelheiten gibt, nur Bilder.

Es gibt noch einen Mechanismus, der mich fasziniert hat, seit ich davon gelesen habe: den Zeigarnik-Effekt. Bluma Zeigarnik, eine Psychologin der zwanziger Jahre, bemerkte, dass Kellner sich an offene Bestellungen erinnerten, aber die abgerechneten sofort vergaßen. Das Gehirn behält Unvollständiges aktiv im Arbeitsspeicher, als wartete es auf Abschluss. Das erklärt, warum das „Irgendwann“ so hartnäckig auftaucht – beim zufälligen Blick auf den Kalender, beim Gespräch mit Miriam, beim Aufräumen eines Regalbretts. Es ist ein Browser-Tab, der nie geschlossen wird und gelegentlich, ohne Warnung, aufflackert.

Aber die Umkehrung des Effekts ist vielleicht noch interessanter: Wenn wir eine Aufgabe als abgeschlossen markieren – auch ohne sie erledigt zu haben –, verschwindet sie aus dem Bewusstsein. Das „Irgendwann“ hält Dinge in einem sonderbaren Zwischenzustand, weder erledigt noch gestrichen, weder vergessen noch wirklich präsent. Es belastet nicht. Aber es geht auch nicht weg. Es gehört zur Person, still und dauerhaft wie ein Foto in einer Schublade.

Ich saß eines Abends am Handy und scrollte durch alte Fotos. Ich tippte auf ein Album aus dem Jahr, in dem mein Vater starb, und das erste Bild zeigte uns beide vor einem Restaurant, er hatte die Hand auf meiner Schulter, wir lachten, das Licht war weich und horizontal, wie nur am späten Nachmittag. Ich weiß nicht mehr, was lustig gewesen war. Ich weiß nur noch, dass wir beide lachten. Es war ein Moment, der einfach passiert war. Nicht geplant. Nicht aufgehoben für irgendwann. Einfach: da.

Dann schloss ich das Album wieder.

Wenn ich ehrlich bin, ist die kulturelle Dimension dieses Phänomens das, was mich am meisten beschäftigt hat. In westlichen Gesellschaften – und wir sind tief in einer davon verwurzelt – ist Identität stark an individuelle Projekte gekoppelt. Was habe ich erreicht? Was habe ich vor? Was macht mich zu mir? Die Selbsterzählung, die wir uns geben, ist eine Erzählung des Werdens: Ich bin noch nicht fertig, ich bin auf dem Weg. Das „Irgendwann“ passt perfekt in diese Logik. Es ist das nächste Kapitel. Es bestätigt: Die Geschichte geht weiter.

In anderen kulturellen Zusammenhängen – ich denke an bestimmte ostasiatische oder westafrikanische Traditionen, die sehr unterschiedlich sind, aber einen Aspekt teilen – ist Identität stärker relational gedacht. Die relevante Frage ist weniger: Was werde ich? Als vielmehr: Zu wem gehöre ich? Die Person entsteht nicht durch ihre Projekte, sondern durch ihre Einbettung in Beziehungen, durch die Verbindung zu Familie, Gemeinschaft, Vorfahren. Was man irgendwann tun wird, hat darin einen anderen Stellenwert – weil das Irgendwann immer in einem Wir stattfindet, nicht in einem einsamen Ich.

Die Küche riecht nach Tee. Draußen ist es dunkel, und die Nachbarn haben Licht an, dieses warme, leicht gelbliche Licht, das durch unbehandelte Vorhänge fällt. Wir sitzen am Tisch, der Wasserkocher hat kurz gebrummt und ist verstummt, und ich denke an das Gespräch mit Miriam, an den Apfelkuchen, an meinen Vater, an das orangefarbene Laternenlicht auf dem Bürgersteig. Es sind Momente, die kein Irgendwann hatten. Die einfach waren.

Ich habe an jenem Abend gesagt, ich streiche das Spanisch. Meine Frau schaute mich an, ein wenig prüfend. Sechzehn Jahre, drei Apps, ein Sprachkurs-Buch mit unaufgeschnittenen Kapiteln. Ich sei sicher? Ja. Ich sei sicher. Sie nickte langsam, so wie sie nickt, wenn sie etwas versteht, das nicht ausgesprochen werden muss. Und sie fragte: Wie fühlt sich das an? Merkwürdigerweise nicht traurig. Eher so, als hätte ich eine Tür geschlossen, die keine Tür mehr war. Eine Öffnung, die ins Nirgendwo führte und die trotzdem Zugluft machte, solange sie offen blieb.

Das Irgendwann, das ich gestrichen habe, war nicht das Spanisch. Es war die Version von mir, die Spanisch lernt, weil sie sich das irgendwann vorgenommen hat. Diese Person darf gehen. Sie war nie wirklich hier.

Was bleibt, ist das Gegenteil vom Irgendwann, und es ist schwerer zu beschreiben, weil es kein Wort hat. Es ist der Moment, in dem man aufhört zu warten und einfach da ist. Der Mann am Bahnhof mit den Äpfeln. Das Paar im Supermarkt mit der Hand am Handgelenk. Das Foto vor dem Restaurant. Diese Dinge standen auf keiner Liste. Sie hätten nicht auf eine Liste gepasst, weil sie nicht geplant sein wollten.

Manche Irgendwanns dürfen gehen. Nicht als große Einsicht. Nur als leise Beobachtung, am Küchentisch, mit dem Geruch von Tee und dem Licht aus dem Fenster des Nachbarn, während draußen der Abend still wird und niemand etwas von uns erwartet – auch wir nicht von uns selbst.

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