Wie das Wort „Es ist schon okay“ das Eigentliche verdeckt

Der Kaffee war lauwarm, als ich ihn zum ersten Mal probierte. Nicht kalt, aber auch nicht mehr heiß. Diese Temperatur, bei der man sich fragt, ob es sich noch lohnt, ihn zu trinken. Ich saß in diesem Café in der Nähe vom Bahnhof, einem von diesen Läden mit Holzstühlen und Kritzeleien an den Wänden, und wartete auf meine Schwester. Sie hatte sich verspätet, wie so oft, und hatte mir geschrieben: Bin in zehn Minuten da, sorry.

Als sie endlich kam, außer Atem, die Jacke noch halb offen, setzte sie sich mir gegenüber und sagte sofort: „Tut mir leid. Der Bus. Du weißt ja.“

„Es ist schon okay“, sagte ich.

Und in dem Moment, als ich es sagte, bemerkte ich etwas. Einen kleinen Widerstand irgendwo in mir. Einen Moment des Zögerns, der schon vorbei war, bevor ich ihn richtig greifen konnte. Denn eigentlich war es nicht okay. Ich hatte eine halbe Stunde gewartet. Mein Kaffee war lauwarm. Ich hatte Dinge zu erledigen. Aber ich sagte trotzdem: Es ist schon okay.

Meine Schwester bestellte sich einen Cappuccino, und wir fingen an zu reden, über ihre Arbeit, über unsere Eltern, über den Urlaub, den sie plante. Das Thema der Verspätung war vom Tisch. Abgehakt. Es ist ja okay.

Auf dem Heimweg, die Straßen noch nass vom Regen, der aufgehört hatte, während wir drinnen saßen, dachte ich darüber nach. Wie schnell dieses Wort aus mir herausgekommen war. Automatisch, ohne nachzudenken. Als hätte ich einen Knopf gedrückt. Als wäre „okay“ die Standardantwort auf alles, was leicht daneben liegt.

Abends erzählte ich meinem Mann davon, während wir in der Küche standen und das Abendessen vorbereiteten. Er schnitt Tomaten, ich rührte in der Pfanne. Es roch nach Knoblauch und Olivenöl, dieses warme Aroma, das sofort an Zuhause erinnert.

„Und warum hast du gesagt, es ist okay, wenn es nicht okay war?“, fragte er.

„Ich weiß nicht. Es kam einfach so raus.“

„Aber du warst genervt?“

„Ja. Ein bisschen. Nicht furchtbar, aber schon.“

„Und warum hast du das nicht gesagt?“

Ich hielt inne, den Holzlöffel in der Hand. „Weil es… ich weiß nicht. Weil es zu viel Aufwand gewesen wäre. Weil ich keine Diskussion wollte. Weil es einfacher war, okay zu sagen.“

Er nickte, als würde er verstehen. „Geht mir auch so. Ständig.“

Die Tomaten landeten in der Pfanne, und das Öl zischte kurz auf. Wir schwiegen einen Moment.

„Das Merkwürdige ist“, sagte ich dann, „dass ich nicht mal weiß, ob sie gemerkt hat, dass ich genervt war. Oder ob sie wirklich dachte, es sei okay.“

„Wahrscheinlich hat sie es geglaubt. Warum sollte sie auch nicht? Du hast es ja gesagt.“

Genau das. Diese zwei Worte – es ist okay – sie decken etwas ab. Sie machen eine Oberfläche glatt, unter der noch etwas liegt. Etwas Unfertiges, etwas Ungeklärtes. Aber weil die Oberfläche glatt ist, fällt es nicht auf. Man geht weiter. Die Unterhaltung fließt. Niemand bleibt hängen.

In den folgenden Tagen fing ich an, darauf zu achten, wie oft ich diesen Satz benutze. Und es war erschreckend oft. Wenn jemand mich im Supermarkt anrempelte und sich entschuldigte. Wenn eine Kollegin einen Termin verschob. Wenn mein Mann vergaß, etwas zu erledigen, das er versprochen hatte. Jedes Mal: Es ist schon okay. Kein Problem. Macht nichts.

Es war wie ein Reflex. Eine automatische Antwort, die gar nicht durch meinen bewussten Verstand ging. Bevor ich überhaupt spüren konnte, ob es wirklich okay war, hatte ich es schon gesagt.

An einem Nachmittag passierte dann etwas Kleines, das mir im Kopf geblieben ist. Ich saß auf einer Bank im Park, die Sonne schien zum ersten Mal seit Tagen, und ich genoss einfach nur das Licht auf meinem Gesicht. Ein Kind lief vorbei, stolperte, fiel hin. Nicht schlimm, nur auf die Knie. Die Mutter kam sofort angerannt, hob es hoch, und das Kind weinte.

„Ist schon okay“, sagte die Mutter. „Ist schon okay. Du bist okay.“

Aber das Kind weinte weiter. Es war eben nicht okay. Die Knie taten weh. Der Schreck saß noch. Und die Mutter sagte immer wieder: Ist schon okay. Als könnte das Wort die Tränen trocknen.

Ich saß da, spürte die kühle Holzbank unter mir und den warmen Wind im Gesicht, und dachte: Wir lernen das früh. Diese Formel. Ist schon okay. Wir hören sie als Kinder, und wir übernehmen sie. Wir glauben irgendwann, dass okay zu sagen die Dinge okay macht.

Abends erzählte ich meinem Mann von der Szene im Park. Wir saßen auf dem Sofa, die Stehlampe warf einen warmen Kreis auf den Teppich, und draußen wurde es langsam dunkel.

„Das mit dem Kind“, sagte er, „das kenne ich. Wenn ich mir als Kind wehgetan habe, hat mein Vater immer gesagt: Ist nicht so schlimm. Steh auf. Und ich habe aufgehört zu weinen, nicht weil es nicht mehr wehtat, sondern weil ich verstanden habe, dass Weinen nicht erwünscht war.“

„Und jetzt?“

„Jetzt mache ich dasselbe. Bei mir selbst, meine ich. Wenn mir etwas nicht passt, sage ich mir: Ist nicht so schlimm. Stell dich nicht so an. Und dann mache ich weiter.“

Das Licht der Straßenlaterne fiel durchs Fenster und warf Schatten an die Wand. Ich dachte darüber nach, wie tief diese Muster sitzen. Wie früh sie anfangen. Wie automatisch sie werden.

Wir haben dann irgendwann angefangen, darüber zu lesen, weil wir verstehen wollten, was da eigentlich passiert, wenn wir „okay“ sagen, obwohl es nicht okay ist. Und wir sind auf einen Begriff gestoßen, der uns beide überrascht hat: Oberflächenhandeln. Der Begriff stammt von der Soziologin Arlie Hochschild, die untersucht hat, wie Menschen in bestimmten Berufen Gefühle zeigen, die sie nicht wirklich empfinden.

Flugbegleiter zum Beispiel. Sie müssen lächeln, auch wenn sie müde sind oder genervt. Sie müssen freundlich wirken, unabhängig davon, wie sie sich wirklich fühlen. Hochschild nennt das „Emotionsarbeit“ – die Arbeit, die nötig ist, um die erwarteten Gefühle nach außen zu zeigen.

Das Interessante ist: Diese Emotionsarbeit passiert nicht nur im Beruf. Wir alle tun es, jeden Tag. Wir zeigen Gefühle, die von uns erwartet werden, und verbergen solche, die nicht passen. „Okay“ ist ein Werkzeug dafür. Es signalisiert: Hier gibt es kein Problem. Kein Konflikt. Keine schwierigen Gefühle, mit denen du dich auseinandersetzen musst.

Das Problem dabei: Wenn wir ständig sagen, etwas sei okay, obwohl es das nicht ist, dann sammelt sich das an. Die unterdrückten Gefühle verschwinden nicht. Sie liegen nur unter der Oberfläche, und irgendwann, bei irgendeiner Kleinigkeit, brechen sie durch. Wir explodieren wegen etwas Banalem und fragen uns: Woher kam das? Aber es kam nicht von der Kleinigkeit. Es kam von all den Malen, in denen wir „okay“ gesagt haben, obwohl wir es nicht waren.

Diese Erkenntnis hat mich an die Szene im Café erinnert, an meine Schwester, an meinen lauwarmen Kaffee. Ich hatte „okay“ gesagt, um den Moment glatt zu machen. Um keine Konfrontation zu haben. Aber das Gefühl war ja trotzdem da. Nur verborgen. Nur nicht ausgesprochen.

An dieser Stelle muss ich – der männliche Teil dieses Blogs – kurz übernehmen, weil mir etwas passiert ist, das genau hierzu gehört.

Es war vor ein paar Wochen, bei einem Abendessen mit Freunden. Wir saßen bei Stefan und Lisa in deren Wohnung, es roch nach dem Auflauf, den Lisa gemacht hatte, und die Kerzen auf dem Tisch flackerten leicht, weil das Fenster einen Spalt offen stand. Die Unterhaltung war angeregt, es ging um Jobs, um Kinder, um die üblichen Themen.

Irgendwann erzählte Stefan von einem Projekt bei seiner Arbeit. Er beschrieb es ausführlich, was er getan hatte, wie erfolgreich es war, wie die Chefs beeindruckt waren. Und dann sagte er beiläufig: „Das war übrigens die Idee, die du mir damals gegeben hast. Weißt du noch? Als wir beim Bier saßen.“

Ich erinnerte mich. Vor Monaten hatte ich ihm tatsächlich etwas vorgeschlagen. Eine Herangehensweise, die ich selbst bei einem Projekt benutzt hatte. Und jetzt war es sein großer Erfolg.

„Klar“, sagte ich. „Freut mich, dass es geklappt hat.“

„Ja, war echt gut. Danke nochmal.“

„Ist schon okay.“

Und das war es. Die Unterhaltung ging weiter. Lisa erzählte etwas über ihre Schwester. Meine Frau lachte über einen Witz. Ich saß da, mein Weinglas in der Hand, und merkte, wie etwas in mir nicht stimmte.

Ich war nicht sauer auf Stefan. Nicht wirklich. Er hatte mich ja erwähnt. Er hatte danke gesagt. Aber trotzdem war da dieses Gefühl. Dieses leise Unbehagen. Als hätte ich mehr verdient. Als wäre mein Beitrag irgendwie kleiner gemacht worden, indem er nur so nebenbei erwähnt wurde.

Aber ich sagte nichts. Ich lächelte, trank meinen Wein, und wenn jemand mich gefragt hätte, hätte ich gesagt: Es ist schon okay.

Auf dem Nachhauseweg, die Straßen dunkel und nass vom Nieselregen, fragte mich meine Frau: „Alles gut bei dir? Du warst so still am Ende.“

„Ja. Alles okay.“

Sie schaute mich an. Diesen Blick, den sie manchmal hat, wenn sie weiß, dass ich nicht die ganze Wahrheit sage.

„Wirklich?“

Und dann, nach einem Moment: „Na ja. Stefan hat mich ein bisschen genervt. Aber es ist nicht wichtig.“

„Was genau?“

„Die Sache mit der Idee. Ich weiß, es ist albern. Aber ich hatte das Gefühl, er hat das so erzählt, als wäre es seine Leistung. Und mein Beitrag war nur eine Fußnote.“

„Und hast du was gesagt?“

„Nein. Was hätte ich sagen sollen? Hey, eigentlich war das meine geniale Idee, du hast sie nur umgesetzt? Das wäre bescheuert gewesen.“

Sie nickte. „Aber du hast es auch nicht vergessen.“

„Nein.“

Das ist der Punkt. Ich habe „okay“ gesagt, aber das Gefühl ist geblieben. Es war keine große Sache, keine Krise, nichts Dramatisches. Nur dieses leise Unbehagen, das jetzt, Wochen später, immer noch da ist, wenn ich an den Abend denke.

Ich frage mich manchmal, ob ich es anders hätte machen können. Ob ich hätte sagen können: Hey, freut mich, dass das so gut lief – und gleichzeitig, ich finde es ein bisschen schade, dass es so klang, als hättest du das alleine hinbekommen. Aber in dem Moment, am Tisch, mit all den Leuten, war das undenkbar. Also sagte ich okay und schluckte den Rest hinunter.

Das hat mich an unseren Text über unausgesprochene Dinge erinnert. Wie viel wir mit uns herumtragen, das nie gesagt wird. Wie viele kleine „Okays“ sich ansammeln.

Zurück zu uns beiden. Wir haben weiter recherchiert, weil uns diese Frage nicht losließ: Warum fällt es so schwer, zu sagen, wenn etwas nicht okay ist? Und wir sind auf etwas gestoßen, das wir beide interessant fanden.

Es gibt Forschung darüber, wie Menschen in verschiedenen Kulturen mit negativen Gefühlen umgehen. In westlichen Gesellschaften, besonders im angloamerikanischen und nordeuropäischen Raum, gibt es eine starke Tendenz, negative Emotionen zu minimieren. „Don’t make a fuss“, heißt es auf Englisch. Mach keinen Aufstand. Sei unkompliziert. Sei easy-going.

Diese kulturelle Norm prägt, wie wir über Gefühle reden – oder eben nicht reden. Wer sich beschwert, gilt als anstrengend. Wer Unbehagen ausdrückt, gilt als schwierig. Also lernen wir, die glatten Worte zu benutzen: Es ist okay. Kein Problem. Macht nichts.

In anderen Kulturen ist das anders. Es gibt Gesellschaften, in denen das offene Ausdrücken von Ärger oder Enttäuschung normal ist, sogar erwartet wird. Wo es als unehrlich gilt, etwas herunterzuspielen. Wo die soziale Erwartung lautet: Sag, wie es ist, nicht wie du willst, dass es wirkt.

Natürlich gibt es auch dort Höflichkeitsformen. Aber die Balance ist anders. Wir in unserer Kultur haben uns angewöhnt, Harmonie über Ehrlichkeit zu stellen. Lieber ein glattes „okay“ als ein holpriges „eigentlich nicht so“.

Diese Erkenntnis hat uns beide zum Nachdenken gebracht. Nicht weil wir ab jetzt bei jeder Kleinigkeit unsere wahren Gefühle herausposaunen wollten. Sondern weil wir gemerkt haben, dass „okay“ oft eine kulturelle Erwartung ist, nicht ein authentischer Ausdruck. Dass wir es sagen, weil es von uns erwartet wird. Nicht weil wir es fühlen.

Ein paar Tage später passierte dann diese Mini-Szene, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Ich saß am Küchentisch, mein Laptop vor mir, und scrollte durch alte E-Mails. Ich suchte etwas Bestimmtes, eine Information aus einem Austausch vor Monaten. Und dabei stieß ich zufällig auf eine Nachricht, die ich vergessen hatte.

Es war eine E-Mail von einer Freundin, die ich damals nicht richtig beantwortet hatte. Sie hatte mir von einer schwierigen Phase erzählt, von Zweifeln, von Unsicherheit. Und ich hatte geantwortet: Das klingt schwer. Aber du schaffst das. Alles wird gut.

Ich saß da, die Morgensonne fiel durch das Fenster und wärmte meine Hände auf der Tastatur, und dachte: Das war auch ein Okay. Eine andere Form davon. Ich hatte ihre Schwere nicht ausgehalten. Ich hatte sie zugedeckt mit Optimismus. Alles wird gut – das ist auch eine Art zu sagen: Lass uns nicht hier verweilen. Lass uns weitergehen.

Abends erzählte ich meinem Mann davon.

„Ich glaube“, sagte ich, „okay funktioniert in beide Richtungen. Wir benutzen es, um unsere eigenen Gefühle zu verbergen. Aber wir benutzen es auch, um die Gefühle anderer zu glätten.“

Er nickte. „Das stimmt. Wenn mir jemand erzählt, dass es ihm schlecht geht, sage ich auch oft: Das wird schon. Oder: Das ist doch nicht so schlimm. Und eigentlich meine ich damit: Bitte, lass es okay sein. Damit ich mich nicht unwohl fühle.“

„Wir wollen, dass alles okay ist.“

„Ja. Weil das Gegenteil anstrengend ist.“

Die Heizung klickte leise. Draußen fuhr ein Auto vorbei, die Scheinwerfer warfen kurz Licht an die Decke.

„Aber was ist die Alternative?“, fragte er dann. „Jedes Mal, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, einen ausführlichen Bericht abliefern?“

„Nein. Aber mir fällt auf, dass ich oft sage, etwas ist okay, bevor ich überhaupt gespürt habe, ob es das ist. Als würde ich das Gefühl überspringen.“

„Und wenn du es nicht überspringst?“

„Dann… weiß ich es nicht. Dann müsste ich aushalten, dass es gerade nicht okay ist. Und vielleicht auch aushalten, dass der andere das weiß.“

Das ist das Unbequeme daran. Wenn ich sage, etwas ist nicht okay, dann öffne ich einen Raum. Einen Raum, in dem unklar ist, was passiert. Ein Raum für Gespräche, für Konflikte, für echte Auseinandersetzung. Das glatteOkay schließt diesen Raum sofort. Es sagt: Hier gibt es nichts zu sehen. Weiter im Text.

Ich habe in der letzten Woche ein Experiment gemacht. Nicht bewusst geplant, es hat sich einfach ergeben. Eine Kollegin hat mich gefragt, ob es mir passt, dass ein Meeting verschoben wird. Normalerweise hätte ich gesagt: Ja klar, kein Problem. Aber diesmal habe ich gesagt: Ehrlich gesagt passt es mir nicht so gut. Ich hatte mir den Nachmittag anders eingeteilt.

Stille. Nur für einen Moment, aber spürbar.

„Oh“, sagte sie. „Das wusste ich nicht. Lass mich schauen, ob wir es doch beim ursprünglichen Termin lassen können.“

Und das war es. Kein Drama. Keine Konfrontation. Nur ein kurzer Moment der Wahrheit, und dann eine Anpassung.

Es war so einfach. Und trotzdem hatte ich Herzklopfen gehabt, bevor ich es gesagt hatte. Als würde ich etwas Verbotenes tun.

Abends erzählte ich meinem Mann davon. Wir saßen in der Küche, die Reste vom Abendessen noch auf dem Tisch, und er lachte.

„Herzklopfen wegen eines Meetings?“

„Ja. Lächerlich, oder?“

„Nein. Ich verstehe das. Es ist ungewohnt. Zu sagen, was man wirklich denkt.“

„Das Komische ist“, sagte ich, „dass es funktioniert hat. Es war nicht schlimm. Sie war nicht beleidigt. Es war einfach… ehrlich.“

„Und wie hat es sich angefühlt?“

Ich dachte nach. „Irgendwie… sauberer. Klarer. Ich musste nichts mit mir herumtragen.“

Er nickte. „Das kenne ich. Wenn ich okay sage, obwohl es nicht stimmt, dann klebt das irgendwie an mir. Wie ein kleiner Zettel, den ich mit mir trage und der sagt: Du hast gelogen.“

„Ist es lügen?“

„Nicht richtig. Aber auch nicht ganz wahr.“

Draußen war es dunkel geworden. Die Straßenlaterne vor dem Fenster flackerte kurz, dann brannte sie wieder gleichmäßig.

„Ich glaube nicht“, sagte ich, „dass wir aufhören sollten, okay zu sagen. Manchmal ist es ja wirklich okay. Manchmal ist die Sache klein genug, dass sie keine Diskussion braucht.“

„Aber?“

„Aber mir fällt auf, dass ich es oft sage, ohne zu überprüfen. Automatisch. Und dann sammelt sich etwas an.“

„Was sammelt sich?“

„All die kleinen Nicht-Okays. Die kleinen Momente, in denen ich mich nicht gezeigt habe. Die liegen irgendwo und werden nicht weniger.“

Die Uhr an der Wand tickte leise. Ich schaute auf meine Hände, die auf dem Tisch lagen.

„Es ist auch eine Art von Entfernung“, sagte ich dann. „Wenn ich immer okay sage, dann weiß niemand, wie es mir wirklich geht. Nicht mal ich selbst, manchmal.“

Er stand auf, um den Tisch abzuräumen. Die Teller klapperten leise, als er sie in die Spüle stellte.

„Und was ist die Alternative?“, fragte er, während das Wasser lief.

„Ich weiß nicht. Langsamer sein, glaube ich. Einen Moment warten, bevor ich antworte. Spüren, ob es wirklich okay ist.“

„Und wenn nicht?“

„Dann das sagen. Nicht dramatisch. Nicht anklagend. Einfach nur: Das passt mir gerade nicht so gut. Oder: Das hat mich ein bisschen getroffen.“

Er trocknete seine Hände ab und setzte sich wieder. „Das klingt einfach.“

„Ist es aber nicht.“

„Nein. Ist es nicht.“

Gestern Abend, spät, saßen wir noch einmal zusammen. Die Kerze auf dem Tisch war fast heruntergebrannt, nur noch ein kleiner Docht in einem See aus Wachs. Der Regen hatte aufgehört, und durch das offene Fenster kam die Luft herein, kühl und frisch.

„Weißt du, was mir aufgefallen ist?“, sagte er. „Dass okay auch eine Art Schutz ist. Nicht nur vor dem anderen, sondern vor mir selbst. Wenn ich sage, etwas ist okay, dann muss ich mich nicht damit auseinandersetzen. Ich kann es wegschieben.“

„Und funktioniert das?“

„Kurzfristig ja. Langfristig… ich weiß nicht. Es bleibt ja trotzdem irgendwo.“

Die Kerze flackerte ein letztes Mal, dann erlosch sie. Nur noch das Licht der Straßenlaterne fiel ins Zimmer.

„Ich glaube“, sagte ich, „okay ist nicht das Problem. Das Problem ist, wenn es das einzige Wort ist, das wir haben. Wenn alles okay ist, immer, automatisch. Dann verlieren wir den Kontakt zu dem, was darunter liegt.“

Er nickte. „Und das Darunter, das verschwindet nicht.“

„Nein. Das verschwindet nicht.“

Wir blieben noch eine Weile sitzen. Ohne zu reden. Das Schweigen war nicht unangenehm. Es war einfach da, wie der Raum zwischen zwei Atemzügen.

Draußen fuhr ein letztes Auto vorbei. Irgendwo schlug eine Kirchturmuhr. Und ich dachte: Es muss nicht immer okay sein. Manchmal reicht es, einfach nur hier zu sein. Mit dem, was ist. Auch wenn es nicht glatt ist. Auch wenn es kein Wort dafür gibt.

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