Es war Freitagabend, und wir saßen wie so oft am Küchentisch. Draußen dämmerte es schon, und drinnen hatten wir nur die kleine Lampe über dem Tisch an. Meine Frau hatte Pasta gemacht, nichts Besonderes, aber genau richtig für einen dieser Abende, an denen man einfach nur dasitzen will, ohne viel nachzudenken.
„Und, wie war dein Tag?“, fragte ich, während ich mir Parmesan über die Nudeln rieb.
„Ganz okay“, sagte sie. „Aber es ist was Komisches passiert.“
„Komisch wie?“
Sie überlegte einen Moment, schob mit der Gabel ein paar Nudeln hin und her. „Ich war heute bei dieser Fortbildung. Du weißt schon, die ich dir erzählt hatte. Und da saß ich neben jemandem, den ich früher mal kannte. Vor Jahren. Wir haben uns kurz unterhalten, und irgendwann hat sie gesagt, dass sie ihre Arbeit total sinnlos findet.“
„Okay“, sagte ich. „Und?“
„Und dann hat sie gefragt, ob ich meinen Job sinnvoll finde.“
„Was hast du gesagt?“
„Dass ich nicht weiß“, sagte sie. „Dass ich darüber noch nie so richtig nachgedacht habe.“
Ich musste lachen. „Ehrlich?“
„Ja“, sagte sie. „Ich meine, natürlich denke ich manchmal darüber nach. Aber nicht so grundsätzlich. Ob mein Job Sinn hat oder nicht. Das ist so eine große Frage.“
„Und was hat sie gesagt?“
„Nichts weiter. Wir wurden unterbrochen, und danach haben wir nicht mehr darüber gesprochen. Aber seitdem geht mir das nicht aus dem Kopf.“
Ich stellte meine Gabel ab und sah sie an. „Was genau geht dir nicht aus dem Kopf?“
„Diese Frage“, sagte sie. „Ob man Sinn findet oder ob man ihn sich selbst macht. Ob er einfach da ist, in den Dingen, oder ob man ihn erst hineintut.“
Das war eine dieser Fragen, die sich erst mal simpel anhören und die dann immer größer werden, je länger man darüber nachdenkt. Und ich merkte, wie auch ich anfing nachzudenken.
„Gute Frage“, sagte ich schließlich.
„Ja“, sagte sie. „Oder?“
Wir aßen weiter, aber die Frage blieb im Raum stehen. So, als hätte jemand einen Stein ins Wasser geworfen und wir würden jetzt zusehen, wie sich die Kreise ausbreiten.
Später, als wir mit dem Essen fertig waren und noch ein Glas Wein eingeschenkt hatten, kamen wir wieder darauf zurück. Nicht, weil wir das geplant hatten, sondern weil die Frage einfach da war.
„Ich glaube, das hängt davon ab, was man unter Sinn versteht“, sagte ich.
„Wie meinst du das?“
„Na ja“, sagte ich, „wenn Sinn bedeutet, dass etwas einen Zweck hat, dann ist er vielleicht einfach da. Dein Herz schlägt, damit Blut durch den Körper gepumpt wird. Das ist sein Sinn. Den musst du nicht erst erfinden.“
„Aber das ist doch was anderes“, sagte sie. „Das ist Funktion. Nicht Sinn.“
„Ist das nicht dasselbe?“
„Nein“, sagte sie. „Ich glaube nicht. Sinn hat doch was mit Bedeutung zu tun. Mit dem Gefühl, dass etwas wichtig ist. Nicht nur, dass es funktioniert.“
Sie hatte recht. Und ich merkte, wie schwierig es war, überhaupt zu sagen, was Sinn eigentlich ist.
Ich habe dann am nächsten Morgen ein bisschen gelesen — ich mache das manchmal, wenn mich etwas beschäftigt — und bin auf etwas gestoßen, das mich überrascht hat. In der Philosophie gibt es tatsächlich eine lange Debatte darüber, ob Sinn objektiv existiert oder ob wir ihn subjektiv konstruieren. Manche Denker sagen, dass es so etwas wie einen universellen Sinn gibt, der unabhängig von uns existiert. Andere sagen, dass Sinn etwas ist, das nur in unserem Kopf entsteht, durch unsere Interpretationen, unsere Geschichten, unsere Bewertungen.
„Und was denkst du?“, fragte meine Frau, als ich ihr davon erzählte.
„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Beides klingt irgendwie richtig. Und beides klingt irgendwie falsch.“
Sie lachte. „Sehr hilfreich.“
„Ja, ich weiß“, sagte ich. „Aber ich glaube, das ist genau das Problem. Dass die Frage zu groß ist. Dass sie sich nicht einfach so beantworten lässt.“
Wir schwiegen einen Moment. Dann sagte sie: „Vielleicht ist es auch beides. Vielleicht gibt es Dinge, die einfach sinnvoll sind, und andere Dinge, denen wir erst Sinn geben.“
„Zum Beispiel?“
„Keine Ahnung“, sagte sie. „Aber ich glaube, es macht schon einen Unterschied, ob du nach Sinn suchst oder ob du ihn erschaffst.“
Sie hatte einen Punkt. Es fühlt sich anders an, wenn man denkt, dass Sinn irgendwo da draußen liegt und man ihn nur finden muss. Als gäbe es eine richtige Antwort, eine Bestimmung, einen Weg, den man gehen soll. Und es fühlt sich anders an, wenn man denkt, dass man selbst entscheiden muss, was sinnvoll ist. Als wäre man selbst verantwortlich dafür, seinem Leben Bedeutung zu geben.
Das eine kann befreiend sein. Das andere kann beängstigend sein. Oder umgekehrt. Je nachdem, wie man es betrachtet.
Ich weiß noch, wie ich vor Jahren mal bei einem Vortrag war. Irgendein Motivationsredner, der erzählte, dass jeder Mensch seinen Sinn selbst finden muss. Dass niemand einem sagen kann, was richtig ist. Dass man selbst entscheiden muss, was einem wichtig ist. Das klang damals erst mal gut. Aber je länger ich zuhörte, desto unbehaglicher wurde mir. Weil es sich so anstrengte anfühlte. Als wäre man ständig dafür verantwortlich, das eigene Leben zu rechtfertigen.
„Kennst du das?“, fragte ich meine Frau. „Dieses Gefühl, dass man unter Druck steht, seinem Leben Sinn zu geben?“
„Ja“, sagte sie. „Total. Manchmal denke ich, dass diese ganze Sinnsuche auch einfach anstrengend ist. Als müsste man ständig irgendwas Bedeutsames tun.“
„Genau“, sagte ich. „Als wäre normales Leben nicht genug.“
„Aber gleichzeitig“, sagte sie, „gibt es doch diese Momente, in denen man merkt, dass etwas sinnvoll ist. Oder?“
„Ja“, sagte ich. „Klar.“
„Und woher kommt das dann?“
Das war die Frage. Woher kommt dieses Gefühl, dass etwas sinnvoll ist? Entsteht es in uns? Oder entdecken wir es in den Dingen?
Ich erinnerte mich an eine Situation vor ein paar Monaten. Wir hatten meiner Mutter beim Umzug geholfen. Es war ein langer, anstrengender Tag. Kisten schleppen, Möbel tragen, alles ein bisschen chaotisch. Aber am Ende, als wir zusammen in ihrer neuen Wohnung saßen und sie sagte: „Danke, dass ihr da wart“ — da hatte ich dieses Gefühl. Dass das sinnvoll war. Nicht, weil es Spaß gemacht hätte oder weil ich es gerne getan hätte, sondern einfach, weil es richtig war.
„War das Sinn, der schon da war?“, fragte ich meine Frau. „Oder habe ich ihm den gegeben?“
Sie überlegte. „Vielleicht war er da, aber du musstest ihn erst sehen.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja“, sagte sie, „die Handlung an sich — Kisten tragen — hat ja keinen Sinn. Der entsteht erst durch den Kontext. Weil es für deine Mutter war. Weil es ein Umzug war. Weil es bedeutet hat, dass sie einen neuen Anfang macht. Der Sinn lag nicht in den Kisten, sondern in dem, was drumherum war.“
Das klang einleuchtend. Und es passte zu etwas, das ich später gelesen habe: dass Sinn oft kontextabhängig ist. Dass dieselbe Handlung in verschiedenen Zusammenhängen unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Dass wir den Sinn nicht einfach in den Dingen selbst finden, sondern in der Art, wie wir sie einordnen, wie wir sie in eine größere Geschichte einfügen.
Es gibt in der Psychologie den Begriff der „narrativen Identität“. Das bedeutet, dass wir unser Leben als Geschichte erzählen, dass wir die Ereignisse, die uns passieren, in eine Erzählung einordnen. Und durch diese Erzählung entsteht Sinn. Nicht, weil die Ereignisse an sich sinnvoll sind, sondern weil wir sie zu etwas Sinnvollem machen, indem wir sie verbinden, ihnen eine Richtung geben, sie interpretieren.
„Das ist interessant“, sagte meine Frau, als ich ihr davon erzählte. „Aber bedeutet das dann, dass Sinn nur eine Geschichte ist, die wir uns erzählen?“
„Vielleicht“, sagte ich. „Aber macht das den Sinn weniger echt?“
Sie schwieg einen Moment. „Ich weiß nicht“, sagte sie dann. „Wenn Sinn nur in meinem Kopf ist, dann könnte er ja auch falsch sein.“
„Oder er ist weder richtig noch falsch“, sagte ich. „Er ist einfach deiner.“
„Aber was, wenn ich mir etwas als sinnvoll einrede, das eigentlich nicht sinnvoll ist?“
Das war eine gute Frage. Eine schwierige Frage. Weil sie an etwas rührte, das viele von uns wahrscheinlich kennen: die Angst, sich selbst etwas vorzumachen. Dass man sich einredet, etwas sei wichtig, nur um sich besser zu fühlen. Dass man sich an etwas klammert, das keinen echten Wert hat.
Aber was heißt „echter Wert“? Wer entscheidet das?
Ich erzählte meiner Frau von einem Mann, den ich vor Jahren mal kennengelernt hatte. Er sammelte Briefmarken. Sein ganzes Leben lang. Er hatte ein ganzes Zimmer voller Alben, akribisch sortiert, katalogisiert, aufbewahrt. Für die meisten Menschen wäre das nichts. Einfach nur alte Briefmarken. Aber für ihn war es sinnvoll. Es gab ihm Struktur, Freude, ein Gefühl von Kontinuität.
„War das sinnvoll?“, fragte ich.
„Für ihn offensichtlich ja“, sagte meine Frau.
„Aber objektiv?“, fragte ich. „Hatte sein Leben durch die Briefmarken mehr Sinn?“
„Was heißt objektiv?“, sagte sie. „Wenn er das Gefühl hatte, dass es sinnvoll ist, dann war es doch sinnvoll.“
„Aber nur für ihn.“
„Ja“, sagte sie. „Aber vielleicht reicht das.“
Ich fand das eine schöne Überlegung. Dass es vielleicht reicht, wenn etwas für einen selbst sinnvoll ist. Dass man nicht die Zustimmung der ganzen Welt braucht, um zu fühlen, dass das, was man tut, Bedeutung hat.
Aber gleichzeitig gibt es doch auch Dinge, die für viele Menschen sinnvoll sind. Die über das Individuelle hinausgehen. Solidarität zum Beispiel. Oder Gerechtigkeit. Oder Fürsorge. Das sind keine Dinge, die jeder für sich allein definiert. Das sind Werte, die wir teilen, die uns verbinden, die kulturell gewachsen sind.
„Glaubst du, dass es universellen Sinn gibt?“, fragte ich meine Frau.
„Universell im Sinne von für alle Menschen gleich?“, fragte sie zurück.
„Ja.“
„Nein“, sagte sie. „Ich glaube, dass verschiedene Menschen verschiedene Dinge als sinnvoll empfinden.“
„Aber es gibt doch Dinge, die fast alle Menschen als sinnvoll empfinden, oder? Dass Kinder beschützt werden. Dass Menschen nicht hungern müssen. Dass man sich umeinander kümmert.“
„Ja“, sagte sie. „Aber selbst da gibt es Unterschiede. Manche Kulturen legen viel mehr Wert auf Gemeinschaft, andere auf Individualität. Was für die einen sinnvoll ist, ist für die anderen vielleicht weniger wichtig.“
Sie hatte recht. Ich habe später darüber gelesen, dass es tatsächlich kulturelle Unterschiede gibt in dem, was Menschen als sinnvoll empfinden. In vielen westlichen Gesellschaften wird persönliche Selbstverwirklichung als sehr wichtig angesehen. Die Idee, dass man sein eigenes Potenzial entfalten soll, dass man das tun soll, was einen erfüllt. In anderen Kulturen ist die Einbindung in die Gemeinschaft, die Familie, die Gruppe wichtiger als die individuelle Erfüllung. Da entsteht Sinn nicht durch das Erreichen persönlicher Ziele, sondern durch das Beitragen zum Ganzen.
„Was ist dir wichtiger?“, fragte ich meine Frau. „Deine eigene Erfüllung oder das, was du für andere tust?“
„Beides“, sagte sie. „Ich glaube, das lässt sich nicht trennen. Wenn ich nur an mich denke, fühlt sich das leer an. Aber wenn ich nur für andere da bin, verliere ich mich. Es muss irgendwie beides geben.“
„Eine Balance.“
„Ja. Oder nicht mal eine Balance. Eher ein Zusammenspiel.“
Ich mochte diese Idee. Dass Sinn nicht entweder in einem selbst oder außerhalb liegt, sondern dass er entsteht, wenn beides zusammenkommt. Wenn man das tut, was einem wichtig ist, und das gleichzeitig mit anderen teilt, für andere da ist, in Verbindung steht.
Es gibt in der Psychologie das Konzept des „Eudaimonia“ — ein griechisches Wort, das oft mit „Glückseligkeit“ oder „Wohlergehen“ übersetzt wird. Aber es bedeutet mehr als nur glücklich sein. Es bedeutet, ein gutes Leben zu führen, ein Leben, das sinnvoll ist, weil man im Einklang mit seinen eigenen Werten lebt und gleichzeitig zur Gemeinschaft beiträgt. Es ist eine Art von Erfüllung, die tiefer geht als kurzfristiges Vergnügen.
„Ich glaube, das ist es“, sagte ich, als ich meiner Frau davon erzählte. „Dass Sinn entsteht, wenn man etwas tut, das einem wichtig ist, und das gleichzeitig über einen selbst hinausgeht.“
„Das klingt gut“, sagte sie. „Aber es klingt auch ein bisschen anstrengend.“
Ich musste lachen. „Wieso?“
„Weil es sich anhört, als müsste man ständig überlegen: Ist das jetzt sinnvoll? Geht das über mich hinaus? Trägt das zur Gemeinschaft bei? Als könnte man nicht einfach mal was machen, ohne sich zu fragen, ob es Sinn ergibt.“
Sie hatte einen Punkt. Diese ständige Sinnsuche kann auch eine Last sein. Als müsste man jede Handlung, jede Entscheidung rechtfertigen. Als wäre es nicht erlaubt, einfach nur zu sein, ohne dass es einer höheren Bedeutung bedarf.
„Vielleicht ist das auch ein kulturelles Phänomen“, sagte ich. „Dass wir in einer Zeit leben, in der Sinnhaftigkeit so stark betont wird.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja“, sagte ich, „früher war das Leben für viele Menschen einfach vorgegeben. Man wurde in eine bestimmte Familie geboren, hatte eine bestimmte Rolle, einen bestimmten Platz in der Gesellschaft. Man hat nicht ständig gefragt, ob das sinnvoll ist. Man hat es einfach gemacht.“
„Und heute?“, fragte sie.
„Heute haben wir viel mehr Freiheit. Aber gleichzeitig auch mehr Druck, diese Freiheit sinnvoll zu nutzen. Wir müssen uns ständig entscheiden, wer wir sein wollen, was wir tun wollen, was uns wichtig ist. Und das ist anstrengend.“
Sie nickte langsam. „Ja. Manchmal wünsche ich mir, dass die Dinge einfacher wären. Dass ich nicht ständig überlegen müsste, ob ich das Richtige mache.“
„Aber würdest du wirklich zurückwollen?“, fragte ich. „Zu einer Zeit, in der alles vorgegeben war?“
„Nein“, sagte sie. „Natürlich nicht. Ich mag die Freiheit. Aber ich mag den Druck nicht, der damit kommt.“
Das verstand ich. Diese Ambivalenz. Dass Freiheit etwas Wunderbares ist, aber auch etwas Belastendes. Dass die Möglichkeit, sein eigenes Leben zu gestalten, gleichzeitig die Verantwortung bedeutet, es gut zu gestalten.
Ein paar Tage später waren wir bei Freunden zu Besuch. Wir saßen zusammen, tranken Wein, redeten über dies und das. Irgendwann kam das Gespräch auf Arbeit, und einer unserer Freunde erzählte, dass er gerade überlegt, ob er seinen Job kündigen soll.
„Warum?“, fragte meine Frau.
„Weil er mich nicht erfüllt“, sagte er. „Weil ich jeden Morgen aufwache und denke: Wofür mache ich das eigentlich?“
„Und was würdest du stattdessen machen?“, fragte ich.
„Weiß ich noch nicht“, sagte er. „Aber irgendwas, das mehr Sinn macht.“
Ich merkte, wie meine Frau und ich uns kurz ansahen. Wir dachten beide dasselbe: Da war sie wieder, diese Frage nach dem Sinn.
„Aber was heißt das für dich?“, fragte meine Frau. „Dass etwas Sinn macht?“
Er überlegte einen Moment. „Dass ich das Gefühl habe, dass es wichtig ist. Dass es einen Unterschied macht. Dass ich nicht nur Zeit absitze.“
„Verstehe“, sagte sie. „Aber glaubst du, dass du das in einem anderen Job finden wirst? Oder muss es vielleicht von dir selbst kommen?“
Er sah sie irritiert an. „Wie meinst du das?“
„Na ja“, sagte sie, „vielleicht ist es nicht der Job, der dir Sinn gibt. Vielleicht musst du den Sinn selbst hineintragen. In das, was du tust.“
„Aber wie soll das gehen?“, fragte er. „Ich mache jeden Tag das Gleiche. Ich sitze vor dem Computer, bearbeite Zahlen, schreibe Berichte. Wie soll das sinnvoll sein?“
„Vielleicht“, sagte ich, „indem du es anders betrachtest. Indem du dir klarmachst, wofür diese Zahlen stehen. Für wen du diese Berichte schreibst. Was am Ende dabei rauskommt.“
Er schüttelte den Kopf. „Das klingt nach Selbstbetrug. Nach: Red dir ein, dass es wichtig ist, auch wenn es das nicht ist.“
„Oder“, sagte meine Frau, „es ist eine andere Art, die Realität zu sehen. Nicht falscher, nur anders.“
Er schwieg. Und ich merkte, dass das eine der schwierigsten Fragen ist: Wo hört die sinnvolle Umdeutung auf und wo fängt die Selbsttäuschung an?
Später, auf dem Heimweg, sprachen meine Frau und ich darüber.
„Hatte er recht?“, fragte ich. „Dass es Selbstbetrug ist, seinem Job nachträglich Sinn zu geben?“
„Ich weiß nicht“, sagte sie. „Vielleicht manchmal. Aber nicht immer. Ich glaube, es kommt darauf an, ob man sich dabei gut fühlt oder ob man sich etwas aufzwingt.“
„Wie erkennst du den Unterschied?“
„Keine Ahnung“, sagte sie. „Vielleicht gar nicht. Vielleicht ist das auch egal.“
„Egal?“
„Ja“, sagte sie. „Wenn du das Gefühl hast, dass dein Leben sinnvoll ist, dann ist es doch egal, ob der Sinn objektiv da war oder ob du ihn dir eingeredet hast. Hauptsache, es geht dir gut damit.“
Ich dachte darüber nach. Und ich merkte, dass sie wahrscheinlich recht hatte. Dass es am Ende nicht darum geht, die philosophisch korrekte Antwort zu finden, sondern ein Leben zu führen, das sich gut anfühlt. Das sich richtig anfühlt.
Es gibt eine Studie, die ich später gefunden habe, in der Menschen gefragt wurden, was ihrem Leben Sinn gibt. Die Antworten waren sehr unterschiedlich. Manche sagten: Familie. Andere sagten: Arbeit. Wieder andere sagten: Kreativität, Spiritualität, Natur, Lernen, Helfen. Es gab keine einheitliche Antwort. Aber was alle gemeinsam hatten, war, dass sie über etwas sprachen, das über den Moment hinausging. Etwas, das sie mit anderen verband oder das größer war als sie selbst.
„Vielleicht ist das der Kern“, sagte ich zu meiner Frau. „Dass Sinn immer etwas mit Verbindung zu tun hat. Mit etwas, das über einen selbst hinausgeht.“
„Kann sein“, sagte sie. „Aber manchmal fühlt sich auch das Kleine sinnvoll an. Einfach nur hier zu sitzen und mit dir zu reden.“
„Geht das über dich hinaus?“, fragte ich.
„Ja“, sagte sie. „Weil du da bist. Weil es nicht nur um mich geht, sondern um uns. Um diesen Moment.“
Ich verstand, was sie meinte. Dass Sinn nicht immer groß und erhaben sein muss. Dass er auch in den kleinen, stillen Momenten liegen kann. In einem Gespräch. In einem Blick. In dem Gefühl, nicht allein zu sein.
Neulich waren wir spazieren, und es war einer dieser Tage, an denen das Licht besonders schön war. Die Sonne stand tief, und alles wirkte weich und golden. Wir liefen eine Weile schweigend nebeneinander her, und plötzlich sagte meine Frau: „Weißt du, was ich gerade gedacht habe?“
„Was?“
„Dass das hier auch Sinn ist. Einfach zu gehen. Mit dir. Ohne dass wir irgendwohin müssen.“
Ich nickte. „Ja.“
Und in diesem Moment fühlte es sich wirklich so an. Als wäre dieser Spaziergang, so alltäglich er war, von Bedeutung. Nicht, weil wir etwas erreicht hätten oder weil etwas Besonderes passiert wäre. Sondern einfach, weil wir da waren, zusammen, in diesem Moment.
Vielleicht ist das die Antwort, die näher kommt als alle philosophischen Theorien: Dass Sinn nicht gefunden oder gemacht wird, sondern dass er entsteht. Dass er sich zeigt, wenn wir aufmerksam sind. Wenn wir uns einlassen. Wenn wir uns verbinden — mit anderen, mit dem, was wir tun, mit dem Moment.
Es ist keine Antwort, die man ein für alle Mal festhalten kann. Sinn ist nichts Statisches. Er verändert sich, er kommt und geht, er ist mal klar und mal verschwommen. Manchmal spürt man ihn sehr deutlich, und manchmal fragt man sich, ob er überhaupt da ist.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Dass Sinn keine Sache ist, die man besitzt, sondern etwas, das man erlebt. Dass er nicht irgendwo liegt und darauf wartet, entdeckt zu werden, sondern dass er sich im Gehen zeigt. In der Art, wie wir die Welt betrachten. In der Art, wie wir mit anderen umgehen. In der Art, wie wir uns erinnern und wie wir erzählen.
Wir werden wahrscheinlich nie wissen, ob Sinn objektiv existiert oder ob wir ihn erschaffen. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass es auch nicht so wichtig ist. Was wichtig ist, ist, dass wir leben. Dass wir uns trauen, Dinge zu tun, die uns wichtig erscheinen. Dass wir uns nicht ständig fragen, ob das jetzt der richtige Sinn ist oder der falsche, sondern dass wir einfach dabei sind.
Meine Frau hat neulich etwas gesagt, das mir hängen geblieben ist. Wir saßen wieder am Küchentisch, und draußen war es schon dunkel. Sie hatte gerade ihre Tasse abgestellt und sah mich an.
„Weißt du“, sagte sie, „ich glaube, ich habe aufgehört, nach Sinn zu suchen.“
„Wie meinst du das?“, fragte ich.
„Ich meine, dass ich nicht mehr das Gefühl habe, dass ich irgendwas finden muss. Dass er einfach da ist, manchmal. Wenn ich nicht zu sehr danach suche.“
Ich nickte langsam. „Ja. Ich glaube, ich verstehe, was du meinst.“
„Es ist wie mit dem Einschlafen“, sagte sie. „Je mehr du versuchst einzuschlafen, desto schwerer wird es. Aber wenn du einfach liegst und nicht darüber nachdenkst, passiert es von selbst.“
„Und mit Sinn ist es genauso?“
„Vielleicht“, sagte sie. „Vielleicht ist er einfach da, wenn man aufhört, ihn zu erzwingen.“
Das klang für mich nach einer guten Art, damit umzugehen. Nicht aufhören, aufmerksam zu sein. Aber aufhören, zu verkrampfen. Dem Leben vertrauen, dass es schon einen Weg findet. Und offen sein für die Momente, in denen sich etwas als bedeutsam zeigt.
Ich weiß nicht, ob das die richtige Antwort ist. Aber es fühlt sich richtig an. Für uns. Für jetzt.