Es war Dienstagabend, glaube ich. Oder Mittwoch. Jedenfalls stand ich in der Küche und wollte gerade den Wasserkocher einschalten, als mir plötzlich einfiel, dass ich etwas vergessen hatte. Etwas Wichtiges. Das Gefühl war so klar, so dringend — aber was es war, wusste ich nicht mehr.
Ich blieb einfach stehen, mit der Hand noch am Griff des Wasserkochers, und versuchte mich zu erinnern. War es ein Anruf? Eine Nachricht, die ich noch beantworten wollte? Hatte ich jemandem etwas versprochen? Je mehr ich nachdachte, desto weiter rutschte es weg, wie etwas, das man im Halbschlaf denkt und das sich beim Aufwachen auflöst.
„Was ist?“, fragte meine Frau aus dem Wohnzimmer.
„Ich habe was vergessen“, sagte ich.
„Was denn?“
„Weiß ich nicht mehr.“
Sie lachte kurz auf, nicht spöttisch, sondern eher so, wie man lacht, wenn man sich wiedererkennt. „Kenn ich“, sagte sie. „Das ist das Schlimmste, oder? Wenn man weiß, dass man was vergessen hat, aber nicht mehr weiß, was.“
Ich machte den Wasserkocher an und setzte mich zu ihr. Der Rest des Abends war eigentlich ganz normal, aber dieses Gefühl blieb. Nicht unangenehm, nur da. Wie ein kleiner Schatten am Rand des Bewusstseins.
Später, als wir schon im Bett lagen, fiel es mir wieder ein. Nicht das, was ich vergessen hatte — das blieb weg —, sondern die Frage, die mich plötzlich beschäftigte: Ist das eigentlich ein Problem? Dass wir so viel vergessen?
Wir reden oft darüber, dass wir uns Dinge merken sollten. Namen, Termine, Gespräche. Als wäre das Gedächtnis eine Art moralische Verpflichtung. Als müssten wir alles festhalten, um respektvoll zu sein, um treu zu sein, um verlässlich zu sein. Und wenn wir etwas vergessen, fühlt sich das an wie ein kleines Versagen.
Aber vielleicht ist das zu einfach gedacht.
Ich erzählte meiner Frau davon, und sie drehte sich zu mir um. „Meinst du jetzt das, was du vorhin vergessen hast, oder generell?“
„Generell“, sagte ich. „Ob Vergessen vielleicht gar nicht so schlecht ist.“
Sie überlegte einen Moment. „Kommt drauf an“, sagte sie dann. „Wenn ich den Geburtstag meiner Mutter vergesse, ist das schon blöd.“
„Klar“, sagte ich. „Aber ich meine nicht sowas. Ich meine eher … dass wir überhaupt vergessen. Dass unser Gehirn Sachen einfach weglässt, ohne uns zu fragen.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja“, sagte ich, „wir haben ja dauernd das Gefühl, dass wir uns mehr merken sollten. Dass wir aufmerksamer sein sollten, präsenter, und dass Vergessen irgendwie eine Schwäche ist. Aber was, wenn es das gar nicht ist?“
Sie schwieg einen Moment. Dann sagte sie: „Ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dir zustimme.“
Das war vor ein paar Wochen. Seitdem denke ich immer mal wieder darüber nach. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, wie viel dahintersteckt.
Es gibt ja diese Momente, in denen man sich an etwas erinnert, das man längst vergessen geglaubt hat. Neulich haben wir alte Fotos sortiert, und plötzlich war da ein Bild von einem Ausflug, den wir vor Jahren gemacht hatten. Ich hatte nicht einmal mehr gewusst, dass wir dort gewesen waren. Und dann, mit dem Foto in der Hand, kam alles zurück. Der Geruch von nassem Gras, der Wind, ein Gespräch, das wir geführt hatten, während wir auf einer Bank saßen. Es war alles noch da, nur eben tief vergraben.
„Siehst du“, sagte meine Frau, als wir das Foto betrachteten. „Du hast es nicht vergessen. Es war nur weg.“
„Ist das nicht dasselbe?“, fragte ich.
„Nein“, sagte sie. „Vergessen heißt, dass es weg ist. Aber das war nicht weg. Es war nur … nicht verfügbar.“
Ich fand das interessant. Diese Unterscheidung. Dass es einen Unterschied gibt zwischen etwas, das wirklich verloren ist, und etwas, das nur gerade nicht greifbar ist. Wie ein Buch, das man irgendwo im Regal stehen hat, aber nicht findet, weil man nicht mehr weiß, wo genau.
Später habe ich ein bisschen gelesen — ich mache das manchmal, wenn mich etwas nicht loslässt — und bin auf etwas gestoßen, das mich überrascht hat. Es gibt tatsächlich Forschung dazu, wie unser Gedächtnis funktioniert, und eine der Erkenntnisse ist, dass Vergessen nicht nur ein Nebenprodukt ist, sondern eine aktive Leistung des Gehirns. Das klingt erst mal paradox, aber wenn man genauer darüber nachdenkt, macht es Sinn.
Unser Gehirn nimmt ständig Informationen auf. Tausende Eindrücke pro Tag. Gesichter, Geräusche, Gerüche, Gespräche, Gedanken. Wenn wir uns alles merken würden, wären wir wahrscheinlich in kürzester Zeit völlig überfordert. Es gäbe keinen Unterschied mehr zwischen dem Wichtigen und dem Unwichtigen, zwischen dem Relevanten und dem Zufälligen. Alles wäre gleich präsent, gleich laut.
Das Gehirn filtert also. Es entscheidet, was behalten wird und was gehen darf. Und dieser Prozess ist nicht passiv — er ist aktiv, gezielt, notwendig.
Ich habe das meiner Frau erzählt, und sie hat genickt. „Macht Sinn“, sagte sie. „Aber es fühlt sich trotzdem manchmal falsch an.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja“, sagte sie, „wenn ich zum Beispiel eine Unterhaltung vergesse, die für die andere Person wichtig war. Dann fühlt sich das nicht an wie eine sinnvolle Filterung, sondern wie ein Mangel an Aufmerksamkeit.“
Da hatte sie natürlich recht. Es gibt ja diese Situationen, in denen jemand sagt: „Weißt du noch, als wir letztes Jahr darüber gesprochen haben?“ Und man selbst denkt: „Nein. Überhaupt nicht.“ Das ist unangenehm. Nicht nur, weil man sich nicht erinnert, sondern weil es sich anfühlt, als hätte man der anderen Person nicht wirklich zugehört, als wäre das Gespräch für einen selbst unwichtig gewesen.
Aber ist das wirklich so? Ist Vergessen automatisch ein Zeichen von Desinteresse?
Ich glaube, da liegt eine Verwechslung vor. Wir setzen Erinnern mit Wertschätzung gleich. Als würde das eine das andere beweisen. Aber unser Gedächtnis funktioniert nicht so linear. Es gibt Gespräche, die im Moment sehr wichtig sind, die uns berühren, die wir ernst nehmen — und die trotzdem irgendwann verblassen. Nicht, weil sie unwichtig waren, sondern weil das Gehirn entschieden hat, dass die emotionale Ladung, die daran hing, nicht mehr gebraucht wird.
Das klingt vielleicht kalt, aber ich glaube, es ist das Gegenteil. Es ist eine Form von Fürsorge, die das Gehirn für sich selbst übernimmt.
Wir hatten vor ein paar Jahren eine Phase, in der es uns nicht besonders gut ging. Nichts Dramatisches, aber eine Zeit, in der vieles schwer war. Arbeit, Familie, ein paar Entscheidungen, die getroffen werden mussten. Ich weiß noch, dass ich damals oft das Gefühl hatte, unter Strom zu stehen, innerlich angespannt zu sein, auch wenn nach außen alles normal wirkte.
Heute, wenn ich an diese Zeit zurückdenke, erinnere ich mich an die Fakten. Ich weiß, was passiert ist, welche Entscheidungen wir getroffen haben, was danach kam. Aber die Gefühle von damals sind verblasst. Sie sind nicht mehr so präsent, nicht mehr so scharf. Und ehrlich gesagt bin ich dankbar dafür.
„Ich glaube, das ist der Punkt“, sagte meine Frau, als wir neulich darüber sprachen. „Dass das Gehirn uns schützt. Vor zu viel. Vor zu nah.“
„Vor uns selbst“, sagte ich.
„Ja. Genau.“
Es gibt auch kulturelle Unterschiede darin, wie mit Erinnerung und Vergessen umgegangen wird. In manchen Kulturen ist die Bewahrung von Erinnerungen, von Geschichte, von Geschichten eine zentrale Aufgabe. Es gibt Rituale, um Verstorbene lebendig zu halten, um Ereignisse nicht verblassen zu lassen. Das hat etwas Schönes, etwas Würdevolles. Es zeigt, dass das, was war, nicht einfach verschwinden soll.
Aber es gibt auch Kulturen, in denen das Loslassen als ebenso wichtig gilt wie das Bewahren. In denen das Vergessen nicht als Verlust gesehen wird, sondern als Teil eines natürlichen Zyklus. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus der Überzeugung, dass das Leben weitergeht und dass man nicht alles mitnehmen kann.
Ich finde beides nachvollziehbar. Und ich glaube, wir alle bewegen uns irgendwo dazwischen. Wir wollen erinnern, weil Erinnerungen uns mit dem verbinden, was war, mit Menschen, mit Momenten, mit Versionen von uns selbst, die es nicht mehr gibt. Aber wir müssen auch vergessen, weil sonst kein Platz wäre für das, was kommt.
Neulich stand ich wieder in der Küche — diesmal am Morgen, beim Kaffeekochen — und plötzlich fiel mir ein, was ich damals vergessen hatte. Es war so banal, dass ich lachen musste. Ich hatte meiner Schwester noch eine Nachricht schreiben wollen, irgendetwas Alltägliches, nichts Dringendes. Mittlerweile war es völlig irrelevant geworden, die Situation hatte sich längst erledigt.
„Siehst du“, sagte meine Frau, als ich es ihr erzählte. „Dein Gehirn wusste, dass es nicht wichtig war.“
„Aber es hat sich damals wichtig angefühlt“, sagte ich.
„Ja“, sagte sie. „Aber Gefühle täuschen manchmal.“
Das stimmt wahrscheinlich. Wir haben oft das Gefühl, dass etwas dringend ist, dass wir es nicht vergessen dürfen — und im Nachhinein stellt sich heraus, dass es gar nicht so bedeutsam war. Dass das Gehirn recht hatte, als es entschieden hat, es gehen zu lassen.
Trotzdem bleibt da etwas. Eine leise Unsicherheit. Weil wir ja nicht im Voraus wissen, was wirklich wichtig ist und was nicht. Weil wir nicht kontrollieren können, was wir behalten und was wir verlieren. Und weil es manchmal schmerzhaft ist, wenn etwas verschwindet, von dem wir dachten, dass wir es für immer festhalten könnten.
Es gibt Menschen, die sich sehr viel merken können. Die sich an Details erinnern, an Gespräche, an Daten, an kleine Begebenheiten. Manchmal beneide ich solche Menschen. Dann wieder denke ich, dass es vielleicht auch anstrengend sein könnte. Dass ein Gedächtnis, das alles festhält, auch alles tragen muss.
In der Psychologie gibt es den Begriff der „selektiven Aufmerksamkeit“. Das bedeutet, dass wir aus der Fülle an Informationen, die auf uns einströmen, nur einen Bruchteil bewusst wahrnehmen. Und was wir wahrnehmen, hängt davon ab, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Das ist keine Schwäche, sondern eine Notwendigkeit. Wenn wir alles gleichzeitig wahrnehmen würden, könnten wir uns auf nichts mehr konzentrieren.
Mit dem Gedächtnis ist es ähnlich. Es ist selektiv. Es entscheidet, was gespeichert wird und was nicht. Und diese Entscheidungen treffen nicht wir bewusst, sondern das Gehirn trifft sie für uns. Meistens sind es gute Entscheidungen. Manchmal nicht. Aber wir haben keine Wahl, als damit zu leben.
Meine Frau hat eine Freundin, die vor ein paar Jahren einen schweren Unfall hatte. Nichts Lebensbedrohliches, aber sie war lange im Krankenhaus, und es war eine schwierige Zeit. Heute erinnert sie sich kaum noch an die Wochen danach. Nicht, weil sie es verdrängt, sondern weil die Erinnerung einfach nicht mehr da ist. Sie weiß, dass es passiert ist, sie weiß, was die Ärzte gesagt haben, aber die emotionale Erinnerung, das Gefühl von damals, ist weg.
„Ist das nicht seltsam?“, fragte meine Frau mich, nachdem sie mit ihr gesprochen hatte. „Dass man so etwas Großes vergessen kann?“
„Ich glaube, das Gehirn will, dass sie weiterlebt“, sagte ich. „Dass sie nicht in dieser Zeit feststeckt.“
„Aber ist das nicht auch ein Verlust?“
„Vielleicht“, sagte ich. „Aber vielleicht ist es auch ein Geschenk.“
Wir haben noch lange darüber gesprochen, ohne zu einer endgültigen Antwort zu kommen. Und ich glaube, das ist auch in Ordnung. Manche Fragen haben keine einfache Antwort.
Es gibt auch das Gegenteil: Menschen, die sich zu viel erinnern. Es gibt tatsächlich eine seltene Bedingung, die sich „Hyperthymestisches Syndrom“ nennt. Menschen, die davon betroffen sind, können sich an nahezu jeden Tag ihres Lebens erinnern. Sie wissen, was sie an einem bestimmten Datum vor zwanzig Jahren gemacht haben, was sie gegessen haben, mit wem sie gesprochen haben. Das klingt erst mal beeindruckend, aber viele berichten, dass es auch belastend ist. Dass die Vergangenheit immer präsent ist, dass sie sich nicht lösen können von dem, was war.
Das hat mich nachdenklich gemacht. Weil es zeigt, dass Vergessen nicht nur ein Mangel ist, sondern auch eine Fähigkeit. Die Fähigkeit, loszulassen. Die Fähigkeit, weiterzugehen.
Wir hatten vor ein paar Monaten einen Streit. Nichts Großes, aber einen dieser Momente, in denen man aneinander vorbei redet und sich missverstanden fühlt. Am nächsten Tag war es eigentlich schon wieder in Ordnung, aber ich merkte, dass ich noch daran festhielt. An dem Gefühl von damals, an den Worten, die gesagt wurden.
„Lass es doch einfach gehen“, sagte meine Frau irgendwann.
„Ich versuche es ja“, sagte ich.
„Aber du denkst immer noch daran.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weiß nicht“, sagte ich. „Ich will das eigentlich nicht.“
„Dann lass es.“
Sie hat recht. Aber es ist nicht so einfach. Man kann sich nicht zwingen, etwas zu vergessen. Je mehr man versucht, nicht an etwas zu denken, desto präsenter wird es. Das Gehirn entscheidet selbst, wann es bereit ist, etwas gehen zu lassen.
Und irgendwann tut es das. Irgendwann merkt man, dass man seit Tagen nicht mehr an den Streit gedacht hat. Dass das Gefühl von damals verblasst ist. Nicht, weil man es aktiv losgelassen hat, sondern weil es von selbst gegangen ist.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen: Dass wir nicht alles kontrollieren müssen. Dass das Gehirn seine eigene Weisheit hat, auch wenn wir sie nicht immer verstehen.
Es gibt auch diese kleinen, alltäglichen Dinge, die wir vergessen. Wo wir den Schlüssel hingelegt haben. Was wir gestern zu Abend gegessen haben. Den Namen von jemandem, den wir vor Jahren mal kennengelernt haben. Diese Art von Vergessen ist meistens harmlos, manchmal lästig, aber selten dramatisch.
Trotzdem ärgern wir uns darüber. Weil wir denken, dass wir uns an solche Dinge erinnern sollten. Dass es ein Zeichen von Zerstreutheit ist, von mangelnder Aufmerksamkeit.
Aber vielleicht ist es einfach nur ein Zeichen dafür, dass unser Gehirn Prioritäten setzt. Dass es entscheidet, was wirklich wichtig ist und was nicht. Und dass ein Name, den wir seit Jahren nicht mehr gebraucht haben, einfach nicht zu den wichtigen Dingen gehört.
Ich habe mal irgendwo gelesen, dass das Gehirn Erinnerungen nicht wie Dateien speichert, sondern wie Geschichten. Jedes Mal, wenn wir uns an etwas erinnern, rekonstruieren wir die Erinnerung neu. Wir rufen nicht eine gespeicherte Version ab, sondern wir setzen sie jedes Mal wieder zusammen, aus Bruchstücken, aus Gefühlen, aus dem, was wir heute über damals denken.
Das bedeutet, dass unsere Erinnerungen sich verändern. Dass sie nicht objektiv sind, sondern subjektiv. Dass sie gefärbt sind von unserer heutigen Perspektive.
Das finde ich faszinierend. Und auch ein bisschen beunruhigend. Weil es bedeutet, dass wir unseren eigenen Erinnerungen nicht vollständig vertrauen können. Dass das, woran wir uns erinnern, nicht unbedingt das ist, was wirklich passiert ist.
„Macht dir das Angst?“, fragte meine Frau, als wir darüber sprachen.
„Ein bisschen“, sagte ich. „Aber nicht so sehr. Eher … es macht mir bewusst, wie fragil das alles ist.“
„Was meinst du?“
„Dass wir denken, wir wüssten, was war. Aber in Wirklichkeit wissen wir nur, was wir heute darüber denken.“
Sie schwieg einen Moment. „Vielleicht ist das auch gut so“, sagte sie dann. „Dass wir nicht in der Vergangenheit feststecken. Dass wir sie umschreiben können.“
„Umschreiben?“
„Ja. Neu sehen. Neu verstehen.“
Ich habe noch lange darüber nachgedacht. Und ich glaube, sie hat recht. Dass die Veränderlichkeit von Erinnerungen nicht nur ein Problem ist, sondern auch eine Chance. Dass wir nicht festgelegt sind auf das, was war, sondern dass wir die Möglichkeit haben, es anders zu sehen.
Das bedeutet nicht, dass wir die Vergangenheit verleugnen oder schönreden sollten. Aber es bedeutet, dass wir sie nicht als unveränderliche Last mit uns herumtragen müssen.
Neulich war ich mit einem Freund essen. Wir haben uns lange nicht gesehen, und irgendwann kam die Rede auf die Schulzeit. Er erzählte von einem Lehrer, den wir beide hatten, und von einer Situation, an die er sich erinnerte. Ich konnte mich überhaupt nicht daran erinnern. Gar nicht. Und es war nicht so, dass es mir nur vage bekannt vorkam — es war einfach weg.
„Wirklich?“, sagte er. „Das war doch total prägend.“
„Für dich vielleicht“, sagte ich. „Aber für mich offenbar nicht.“
Er wirkte kurz irritiert, dann lachte er. „Verrückt, oder? Dass wir beide dabei waren, aber so unterschiedlich daran zurückdenken.“
„Oder eben nicht daran zurückdenken“, sagte ich.
Das hat mir wieder gezeigt, wie individuell Erinnerung ist. Was für den einen wichtig ist, ist für den anderen vielleicht völlig belanglos. Und umgekehrt. Wir teilen zwar Erfahrungen, aber wir erinnern sie unterschiedlich. Weil wir unterschiedliche Menschen sind, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, unterschiedlichen Empfindlichkeiten.
Meine Frau erinnert sich oft an Gespräche, die wir geführt haben, während ich mich eher an Orte erinnere. An Stimmungen. An visuelle Eindrücke. Sie kann mir erzählen, was wir vor drei Jahren im Urlaub besprochen haben, während ich mich vor allem daran erinnere, wie das Licht auf dem Wasser war.
„Ist das nicht seltsam?“, habe ich sie mal gefragt. „Dass wir beide dabei waren, aber völlig andere Dinge mitnehmen?“
„Nicht seltsam“, sagte sie. „Normal. Wir sind halt unterschiedlich.“
„Aber es ist doch dasselbe Ereignis.“
„Ja, aber wir erleben es unterschiedlich.“
Das leuchtet ein. Und es erklärt auch, warum Erinnerungen so unterschiedlich sein können, selbst unter Menschen, die dasselbe erlebt haben.
Es gibt diese Frage, die manchmal auftaucht: Was würdest du tun, wenn du alles vergessen könntest? Wenn du die Möglichkeit hättest, bestimmte Erinnerungen einfach zu löschen, für immer?
Manche Menschen sagen sofort: Ja, natürlich. Es gibt Dinge, die sie lieber nicht mit sich herumtragen würden. Erinnerungen, die schmerzhaft sind, die belasten, die nicht gehen wollen.
Andere sagen: Nein. Weil sie Angst haben, dass sie damit auch einen Teil von sich selbst verlieren würden. Dass die schmerzhaften Erinnerungen auch zu dem gehören, was sie sind.
Ich bin mir nicht sicher, was ich sagen würde. Es gibt Momente, in denen ich denke: Ja, es wäre schön, bestimmte Dinge loszulassen. Aber dann denke ich auch: Vielleicht sind es genau diese Dinge, die mich zu dem gemacht haben, der ich bin.
„Würdest du etwas vergessen wollen, wenn du könntest?“, habe ich meine Frau gefragt.
Sie hat lange überlegt. „Ich weiß nicht“, sagte sie schließlich. „Manchmal denke ich: Ja. Aber dann denke ich auch: Vielleicht brauche ich das alles, um zu verstehen, wo ich bin.“
„Auch das Schwere?“
„Gerade das Schwere.“
Ich verstehe, was sie meint. Dass die schwierigen Erinnerungen oft die sind, die uns am meisten geformt haben. Nicht, weil sie angenehm sind, sondern weil sie uns etwas beigebracht haben. Über uns selbst, über andere, über das Leben.
Aber ich verstehe auch, dass es Grenzen gibt. Dass es Erinnerungen gibt, die so überwältigend sind, dass sie das Leben im Hier und Jetzt unmöglich machen. Und dass es in solchen Fällen kein Zeichen von Schwäche ist, Hilfe zu suchen. Sondern ein Zeichen von Stärke.
Am Ende glaube ich, dass Vergessen und Erinnern zusammengehören. Dass das eine ohne das andere nicht funktioniert. Dass wir beides brauchen, um zu leben.
Wir brauchen das Erinnern, um zu wissen, wer wir sind. Um uns mit unserer Geschichte zu verbinden, mit den Menschen, die uns geprägt haben, mit den Momenten, die uns wichtig waren.
Und wir brauchen das Vergessen, um nicht in der Vergangenheit zu erstarren. Um Platz zu machen für Neues, für Veränderung, für das, was noch kommt.
Neulich saßen wir abends zusammen, und draußen war es schon dunkel. Wir hatten nichts Besonderes vor, redeten über dies und das, und irgendwann sagte meine Frau: „Weißt du noch, was du vor ein paar Wochen gesagt hast? Über das Vergessen?“
„Ja“, sagte ich. „Wieso?“
„Ich habe seitdem immer mal wieder darüber nachgedacht. Und ich glaube, du hast recht. Dass es nicht nur ein Mangel ist.“
„Sondern?“
„Eine Fähigkeit. Ein Geschenk. Auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt.“
Wir schwiegen eine Weile. Dann sagte ich: „Ich glaube, das Schwierigste ist, dass wir nicht entscheiden können, was wir vergessen und was nicht.“
„Ja“, sagte sie. „Aber vielleicht ist das auch gut so. Dass wir es nicht kontrollieren können. Dass das Gehirn das für uns übernimmt.“
„Weil wir sonst zu viel festhalten würden?“
„Genau. Weil wir zu viel Angst hätten, etwas loszulassen.“
Ich nickte. „Vielleicht.“
Es war ein stiller Moment. Einer dieser Momente, in denen nichts Besonderes passiert, die aber trotzdem bleiben. Zumindest für eine Weile.
Ich weiß nicht, ob ich mich in zwanzig Jahren noch daran erinnern werde. An diesen Abend, an dieses Gespräch, an das Gefühl, das damit verbunden war. Vielleicht wird es verblassen, vielleicht wird es ganz verschwinden. Vielleicht bleibt nur ein vages Gefühl zurück, ohne konkrete Bilder, ohne Worte.
Und das wäre in Ordnung. Weil ich glaube, dass das Gehirn weiß, was es tut. Dass es entscheidet, was behalten wird und was gehen darf. Nicht willkürlich, sondern mit einer leisen Intelligenz, die wir nicht immer verstehen, aber der wir vielleicht vertrauen können.
Vielleicht ist Vergessen keine Schwäche. Sondern eine Form von Fürsorge, die das Gehirn für uns übernimmt. Ein inneres Aufräumen, das Platz schafft. Nicht, weil das, was war, unwichtig ist, sondern weil das, was kommt, genauso wichtig ist.
Und vielleicht ist das Wichtigste nicht, sich an alles zu erinnern, sondern zu wissen, dass manche Dinge gehen dürfen. Dass wir nicht alles tragen müssen. Dass es in Ordnung ist, loszulassen.
Auch wenn wir manchmal traurig sind darüber, was verloren geht.
Auch wenn wir uns manchmal wünschen, es wäre anders.
Es ist, wie es ist. Und vielleicht ist das genau richtig so.