Das Buch lag ganz hinten im Regal, eingeklemmt zwischen einem Reiseführer für die Toskana und einem Kochbuch, das wir nie benutzt haben. Ich wollte eigentlich nur Staub wischen, aber dann sah ich den Einband, dieses verblasste Grün, und zog es heraus. Die Seiten rochen nach altem Papier und ein bisschen nach dem Lavendelsäckchen, das meine Mutter mir vor Jahren geschenkt hat und das irgendwann zwischen die Bücher gerutscht sein muss. In dem Moment wusste ich noch genau: Dieses Buch habe ich gelesen. Vor Jahren. Ich habe es gemocht.
Als ich die ersten Seiten aufschlug, war da nichts. Kein Wiedererkennen, keine Erinnerung an die Figuren, an den Ort, an irgendetwas. Nur meine eigene Handschrift am Rand, Sätze, die ich unterstrichen hatte, kleine Ausrufezeichen neben Absätzen. Ich stand in unserem Wohnzimmer, das Abendlicht fiel schräg durch die Jalousien und warf Streifen auf den Teppich, und hielt den Beweis in Händen, dass ich dieses Buch nicht nur gelesen, sondern auch durchdacht hatte. Dass eine frühere Version von mir Dinge wichtig gefunden hatte, wichtig genug, um sie zu markieren. Aber wer war diese Person gewesen?
Der Wasserkocher pfiff in der Küche. Ich ging hinüber, das Buch noch in der Hand, und zeigte es meinem Mann, der gerade Tee aufgoss. Der Dampf stieg zwischen uns auf, nach Pfefferminze riechend, und ich sagte: „Schau mal, das habe ich doch gelesen. Ich habe sogar Sätze unterstrichen.“
„Und?“ Er schaute von der Tasse auf. „Erinnerst du dich?“
„Nein. Überhaupt nicht.“
„An gar nichts?“
„Da ist nur so ein vages Gefühl. Wie ein Schatten von einer Erinnerung. Ich weiß, dass ich das Buch kannte, aber ich kann dir nicht sagen, worum es geht.“
Er nahm mir das Buch aus der Hand, blätterte selbst ein paar Seiten durch. „Das mit dem Strand hier hast du unterstrichen. Und hier, der Dialog über den Vater.“
„Sagt mir nichts.“
„Und das hier?“ Er deutete auf eine Stelle, wo ich dreimal unterstrichen hatte.
„Nichts.“
Er gab mir das Buch zurück und lachte, aber nicht spöttisch. „Willkommen im Club. Geht mir ständig so.“
Das Merkwürdige an diesem Moment war nicht, dass ich mich nicht erinnern konnte. Vergessen ist normal, das wissen wir beide. Es war die Distanz, die ich plötzlich zu dieser früheren Version von mir empfand. Die Person, die vor Jahren dieses Buch gelesen und diese Sätze markiert hatte – ich konnte mich nicht in sie hineinversetzen. Nicht nachfühlen, was sie beim Lesen gedacht oder empfunden hatte. Sie war mir fremd, obwohl sie doch ich gewesen sein muss.
Wir setzten uns mit unserem Tee an den Küchentisch. Draußen fuhr ein Moped vorbei, das Geräusch wurde lauter und verklang wieder. Die Heizung klickte, wie sie es immer tut, wenn sie anspringt. Diese kleinen Geräusche unseres Alltags, die wir normalerweise gar nicht mehr wahrnehmen.
„Ist dir das auch schon passiert?“, fragte ich. „Dass du dich an etwas nicht erinnern konntest, obwohl du eindeutig dabei gewesen sein musst?“
Er nickte und wärmte seine Hände an der Tasse. „Ständig. Letztens hat Thomas mir von einem Abend erzählt, an dem wir angeblich zusammen in dieser Bar waren. Er hat Details genannt, was wir getrunken haben, worüber wir geredet haben. Und ich hatte keine Ahnung, wovon er spricht.“
„Aber du warst dabei?“
„Er behauptet es. Und er schien sich so sicher zu sein. Ich habe nicht widersprochen, weil es peinlich gewesen wäre. Aber innerlich habe ich gedacht: Wenn ich mich nicht erinnere, war ich dann überhaupt dabei?“
Diese Frage. Sie blieb im Raum hängen wie der Dampf über unseren Tassen. Wenn ich mich an etwas nicht erinnere, gehört es dann trotzdem zu mir? Ist es ein Teil meiner Geschichte, auch wenn es in meinem Kopf nicht mehr existiert? Oder bin ich nur die Summe dessen, woran ich mich tatsächlich erinnern kann?
An diesem Abend, als wir auf dem Sofa saßen und im Fernseher irgendeine Dokumentation über Tiefseefische lief, die keiner von uns wirklich anschaute, kam mir ein anderer Gedanke. Die blauen Lichter von den Anglerfischen auf dem Bildschirm warfen seltsame Schatten an die Wand.
„Weißt du, was noch komischer ist?“, sagte ich. „Dass ich mich an manche Dinge erinnere, von denen ich nicht mal sicher bin, ob sie wirklich passiert sind.“
Er drehte den Ton leiser. „Was meinst du?“
„Ich habe diese ganz klare Erinnerung an einen Nachmittag im Kindergarten. Ich sitze unter einem Tisch und verstecke mich. Das Licht fällt durch ein Fenster, alles ist ganz still. Ich kann den Staub in der Luft sehen. Aber wenn ich ehrlich bin – ich weiß nicht, ob das wirklich passiert ist. Oder ob ich das nur geträumt habe. Oder in einem Film gesehen. Oder mir irgendwann mal ausgedacht.“
Er schaute mich an, und ich bemerkte, dass er mich wirklich anschaute, nicht so halb, wie man es oft tut. „Und macht es einen Unterschied?“
„Was meinst du?“
„Na, ob es wirklich passiert ist oder nicht. Du erinnerst dich daran. Es fühlt sich real an für dich. Es ist ein Teil von dem, wie du deine Kindheit siehst.“
„Aber es sollte doch wichtig sein, ob meine Erinnerungen echt sind.“
„Sollte es das? Diese Erinnerung unter dem Tisch, was auch immer sie ist – sie formt, wie du über dich denkst. Sie gehört zu deiner Geschichte. Ist es da wichtig, ob sie objektiv wahr ist?“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Intuitiv wollte ich sagen: Natürlich. Ich will nicht, dass meine Erinnerungen Erfindungen sind. Aber gleichzeitig spürte ich, dass er einen Punkt hatte. Diese Erinnerung, ob echt oder nicht, war ein Teil von mir geworden. Ein Teil der Geschichte, die ich mir über mich selbst erzähle.
Ein paar Tage später passierte etwas Kleines, das mich aber nicht mehr losließ. Ich war im Supermarkt, im Gang mit den Konserven, und suchte nach Kichererbsen. Das Neonlicht summte über mir, leicht flackernd, und es roch nach diesem typischen Supermarktgeruch, eine Mischung aus Kunststoff und dem Desinfektionsmittel, mit dem sie die Böden wischen. Vor mir stand eine ältere Frau, die offenbar dasselbe suchte wie ich. Sie murmelte etwas vor sich hin, und als ich genauer hinschaute, bemerkte ich, dass sie den Mund bewegte, als würde sie mit jemandem sprechen, der nicht da war.
Zuerst dachte ich: Sie telefoniert. Aber sie hatte keine Kopfhörer, kein Telefon in der Hand. Sie erzählte einfach. Ich hörte Bruchstücke: „…und dann hat er gesagt, das geht nicht, aber ich…“ Sie schien sich eine Geschichte zu erzählen, während sie die Dosen inspizierte.
In dem Moment wurde mir bewusst, dass ich das ständig tue. Nicht laut, aber innerlich. Während ich durch den Supermarkt laufe, während ich zur Arbeit fahre, während ich abends das Geschirr abwasche. Diese innere Stimme, die kommentiert, erklärt, einordnet. Die mir erzählt, wer ich bin und warum ich hier bin und was das alles bedeutet. Ich ertappte mich dabei, wie ich genau in diesem Moment eine Geschichte aus der Szene machte: Die Frau mit den Konserven, ich, der flackernde Supermarkt. Schon wurde es zu etwas, das ich später erzählen würde. Schon formte ich es in meinem Kopf zu einer Anekdote.
Abends erzählte ich meinem Mann von der Frau im Supermarkt, und er lachte. „Ja, das kenne ich. Bei mir sind es meistens Streitgespräche.“
„Streitgespräche?“
„Im Kopf. Mit Leuten, die gar nicht da sind. Ich denke mir Argumente aus, formuliere Antworten auf Dinge, die niemand gesagt hat. Manchmal führe ich ganze Diskussionen, während ich eigentlich nur die Wäsche zusammenlege.“
„Und mit wem streitest du?“
„Kommt drauf an. Manchmal mit Kollegen. Manchmal mit meinem Vater. Manchmal mit Leuten, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe.“
Das war ein weiteres Beispiel dafür, wie wir ständig Geschichten produzieren. Nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über mögliche Gespräche, die nie stattgefunden haben. Unser Gehirn ist eine Erzählmaschine, die niemals stillsteht.
Wir haben dann irgendwann angefangen, darüber zu lesen, weil wir verstehen wollten, was da eigentlich passiert. Und wir sind auf Forschung gestoßen, die uns beide ziemlich überrascht hat. Es geht darum, wie Erinnerungen funktionieren – und sie funktionieren nicht so, wie wir intuitiv denken. Die meisten Menschen stellen sich Erinnerungen vor wie Videoaufnahmen: Das Gehirn zeichnet einen Moment auf und spielt ihn später wieder ab, mehr oder weniger unverändert. Aber das stimmt nicht. Unser Gehirn ist keine Kamera. Es speichert keine vollständigen Szenen.
Stattdessen speichert es Bruchstücke: ein Bild hier, ein Gefühl dort, einen Geruch, ein Fragment eines Dialogs. Wenn wir uns erinnern, setzt das Gehirn diese Bruchstücke neu zusammen. Jedes Mal, wenn wir uns an etwas erinnern, rekonstruieren wir die Erinnerung. Wir bauen sie aus den verfügbaren Teilen zusammen, und dabei fließt immer auch ein, wie wir uns gerade fühlen, was wir gerade glauben, was wir von dieser Erinnerung brauchen. Das bedeutet: Jede Erinnerung ist ein bisschen anders, jedes Mal wenn wir sie abrufen. Sie wird von unserer aktuellen Stimmung eingefärbt, von unseren jetzigen Überzeugungen, von dem Kontext, in dem wir uns befinden.
Wenn ich mich heute an den Urlaub in Portugal vor sieben Jahren erinnere, dann ist diese Erinnerung nicht identisch mit der Erinnerung, die ich vor drei Jahren daran hatte. Nicht weil der Urlaub sich verändert hätte – der ist vorbei, er ist fix –, sondern weil ich mich verändert habe. Und je öfter ich mich an etwas erinnere, desto mehr entfernt sich die Erinnerung womöglich vom ursprünglichen Ereignis, weil jedes Erinnern sie ein Stück weit verformt.
Das erklärt, warum mein Mann und ich uns an denselben Abend oft völlig unterschiedlich erinnern. Nicht weil einer von uns lügt oder falsch liegt, sondern weil wir beide unsere eigene Version rekonstruieren, mit unseren eigenen Bruchstücken, unseren eigenen emotionalen Färbungen.
An diesem Punkt muss ich, also der männliche Teil dieses Blogs, kurz übernehmen, weil mir etwas passiert ist, das genau hierzu passt.
Es war letzten Samstag, beim Mittagessen mit meiner Schwester. Wir saßen in diesem kleinen italienischen Restaurant in der Altstadt, das nach Knoblauch und frischem Brot riecht und wo die Tischdecken noch aus echtem Stoff sind, nicht aus Papier. Die Bedienung klapperte mit Tellern im Hintergrund, und wir warteten auf unsere Pasta.
Meine Schwester erzählte von einem Familienurlaub, als wir Kinder waren. Der Sommer am Bodensee, sie muss so zehn gewesen sein, ich dreizehn. Sie beschrieb den Nachmittag, an dem unser Vater sie schwimmen lehrte, wie er sie auf dem Wasser hielt, wie sie zum ersten Mal alleine ein paar Züge geschafft hatte. Sie erzählte es mit so viel Detail: das kalte Wasser, die Enten am Ufer, der grüne Badeanzug, den sie damals hatte.
Ich hörte zu und merkte, wie sich in mir etwas sträubte. Weil ich mich an diesen Nachmittag auch erinnere. Aber anders. In meiner Erinnerung war ich derjenige, der ihr beim Schwimmen geholfen hat. Nicht unser Vater, sondern ich. Ich sehe mich noch, wie ich ihre Arme hielt, während sie strampelte. Ich erinnere mich an ihr Gesicht, als sie es endlich geschafft hat.
Ich habe nichts gesagt. Ich saß da mit meinem Mineralwasser, die Kohlensäure prickelte auf der Zunge, und dachte: Eine von diesen Erinnerungen muss falsch sein. Oder beide sind falsch. Oder wir erinnern uns an verschiedene Momente und haben sie zu einem zusammengesetzt.
Der Punkt ist: Beide Erinnerungen fühlen sich für uns real an. Meine Schwester ist nicht weniger sicher als ich. Und ich kann ihr nicht beweisen, dass meine Version stimmt, genauso wenig wie sie mir ihre beweisen kann. Es gibt keine Aufnahme, keinen neutralen Beobachter, der uns sagen könnte, wie es wirklich war.
Später, auf dem Heimweg, lief ich durch den Stadtpark. Die Blätter an den Bäumen fingen gerade an, sich zu verfärben, dieses erste Gelb am Rand, das den Herbst ankündigt. Ein Kind fuhr an mir vorbei auf einem Fahrrad, die Stützräder klapperten auf dem Kies. Und ich dachte darüber nach, wie viel von dem, was ich über meine Kindheit zu wissen glaube, tatsächlich so passiert ist – und wie viel ich mir im Laufe der Jahre zurechtgelegt habe.
Es gibt Dinge, die ich zu wissen glaube. Dass ich ein scheues Kind war. Dass ich Mathe hasste. Dass ich immer der Vernünftige war, der Ältere, der Verantwortungsvolle. Aber woher weiß ich das? Teilweise aus Erinnerungen, ja. Aber teilweise auch aus dem, was mir gesagt wurde. „Du warst immer so ruhig als Kind.“ „Du musstest früh Verantwortung übernehmen.“ Sätze, die mir erzählt wurden, bis ich sie zu meinen eigenen gemacht habe.
Ich frage mich manchmal, wie anders mein Selbstbild wäre, wenn mir andere Geschichten über mich erzählt worden wären. Wenn meine Eltern mich als den Wilden beschrieben hätten, den Abenteuerlustigen. Hätte ich mich dann so verhalten? Wäre ich dann zu einer anderen Person geworden?
Das führt mich zu etwas, das meine Frau und ich oft diskutieren: diese kleinen Sätze, die wir über uns selbst sagen. „Ich bin jemand, der früh aufsteht.“ „Ich habe keine gute Orientierung.“ „Ich kann mir Namen nicht merken.“ Lauter Definitionen, die wir über uns selbst verbreiten, oft ohne darüber nachzudenken. Und die Frage ist: Stimmen sie wirklich? Oder sind sie zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen geworden?
Ich sage zum Beispiel oft, dass ich nicht gut kochen kann. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich habe es nie wirklich versucht. Meine Frau übernimmt das meist, weil es ihr mehr liegt, und ich habe die Geschichte „Ich kann nicht kochen“ einfach übernommen, weil sie bequem ist. Sie passt zu der Rolle, die ich in unserer Beziehung spiele. Aber sie ist nicht notwendigerweise wahr.
Das Unbehagliche daran ist: Wenn ich diese Geschichte über mich ändere, wer bin ich dann? Wenn ich aufhöre zu sagen „Ich kann nicht kochen“ und anfange zu lernen – verändert sich dann meine Identität? Und wenn ja, wie viel von dem, was ich für mein festes Selbst halte, ist nur eine Geschichte, die ich jederzeit umschreiben könnte?
Zurück zu uns beiden. Ein paar Wochen nach dem Buchvorfall – so nennen wir ihn inzwischen scherzhaft – saßen wir mit unserer Nachbarin Maren in deren Küche. Sie hatte uns zu Kaffee und Kuchen eingeladen, dieser selbstgebackene Käsekuchen, den sie manchmal macht, wenn ihr Sohn nicht zu Besuch kommt und sie niemandem das Rezept auftischen kann. Die Küche roch nach Vanille und warmem Teig, und durch das Fenster sah man die Krähen, die sich auf dem Dach gegenüber versammelt hatten.
Maren erzählte von ihrer Mutter, die vor einem Jahr gestorben war. Und sie sagte etwas, das mich seitdem nicht mehr loslässt. Sie sagte: „Ich merke, wie meine Erinnerungen an sie sich verändern. Am Anfang, direkt nach ihrem Tod, habe ich mich vor allem an die schwierigen Dinge erinnert. Die Streitereien, die Vorwürfe. Aber jetzt, ein Jahr später, sind andere Erinnerungen da. Wie sie mit mir Plätzchen gebacken hat. Wie sie mich abgeholt hat, als mein Auto liegen geblieben ist. Die guten Dinge kommen zurück.“
Mein Mann schaute mich an, und ich wusste, dass er dasselbe dachte wie ich.
„Findest du das seltsam?“, fragte er Maren. „Dass sich die Erinnerungen verändern?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe mich anfangs dagegen gewehrt. Ich dachte, ich muss die Wahrheit bewahren, auch die unangenehme. Aber dann habe ich begriffen, dass es nicht um Wahrheit geht. Es geht darum, mit wem ich leben will. Und ich will mit einer Mutter leben, die beides war – schwierig und liebevoll. Nicht nur das eine.“
Das hat mich an unseren Text über das Aufräumen erinnert, an diese Idee, dass wir Dinge nicht loswerden, sondern ihnen einen anderen Platz geben. Maren ordnete ihre Erinnerungen neu. Sie warf nichts weg, aber sie gab den guten Momenten mehr Raum.
Nach dem Nachmittag bei Maren haben wir weiter gelesen, weil uns diese Frage nicht mehr losließ: Wie hängen Erinnerung und Identität zusammen? Und wir sind auf dieses Konzept gestoßen, das Psychologen „narrative Identität“ nennen. Die Grundidee ist, dass wir uns selbst durch Geschichten verstehen. Wenn jemand fragt „Wer bist du?“, erzählen wir keine Liste von Fakten. Wir erzählen eine Geschichte. Ich komme aus einem kleinen Dorf, bin dann in die Stadt gezogen, habe studiert, diesen Menschen kennengelernt, jene Entscheidung getroffen. Wir bauen eine Erzählung mit Wendepunkten, mit Krisen und Wendungen, mit einem roten Faden, der erklärt, wie wir zu dem Menschen geworden sind, der wir heute sind.
Das Interessante dabei: Diese Erzählung ist nicht fix. Wir könnten unsere Lebensgeschichte auch ganz anders erzählen. Andere Momente betonen, andere Schlüsse ziehen. Und dann wären wir immer noch wir – aber wir würden uns anders sehen, anders fühlen.
Es gibt auch kulturelle Unterschiede in der Art, wie Menschen ihre Geschichten erzählen. In westlichen Gesellschaften, so haben wir gelesen, neigen Menschen dazu, ihre Geschichten sehr individualistisch zu konstruieren. Es geht um das eigene Ich, um persönliche Entscheidungen, um individuelle Entwicklung. Die Frage lautet: Was macht mich einzigartig? Was unterscheidet mich von anderen?
In vielen anderen Kulturen – in asiatischen Gesellschaften, in afrikanischen Gemeinschaften, in indigenen Kulturen – sind die Geschichten stärker relational. Es geht weniger um das isolierte Ich und mehr um die Beziehungen: zur Familie, zur Gemeinschaft, zu den Vorfahren. Die Frage ist nicht „Wer bin ich?“ sondern „Zu wem gehöre ich? In welchen Beziehungen stehe ich?“
Das hat uns nachdenklich gemacht. Weil es zeigt, dass selbst die grundlegendste Frage – Wer bin ich? – keine universelle Antwort hat. Die Art, wie wir über uns denken, ist geprägt von der Kultur, in der wir aufgewachsen sind. Von den Werten, die uns beigebracht wurden. Von den Geschichten, die wir um uns herum gehört haben.
„Was wäre“, fragte ich meinen Mann an dem Abend, „wenn wir in einer anderen Kultur aufgewachsen wären? Würden wir dann anders über uns denken?“
„Wahrscheinlich“, sagte er. „Wir würden uns weniger fragen, wer wir als Individuen sind. Wir würden uns mehr über unsere Zugehörigkeit definieren.“
„Und wären wir dann andere Menschen?“
„Ich weiß nicht. Wir wären immer noch wir. Aber mit anderen Geschichten über uns.“
Vor ein paar Tagen passierte dann diese Mini-Szene, die eigentlich nichts bedeutet, mir aber trotzdem im Kopf geblieben ist. Ich saß mit meinem Handy auf dem Sofa und wollte ein Foto löschen. Es war ein missratenes Selfie, unscharf, schlechtes Licht. Aber ich tippte falsch und landete stattdessen in meiner Fotogalerie von vor drei Jahren.
Ich scrollte durch die Bilder. Da waren wir, mein Mann und ich, bei einer Geburtstagsfeier, deren Anlass ich nicht mehr wusste. Da war ein Sonnenuntergang, den ich fotografiert hatte, irgendwo, an einem Strand, dessen Namen ich vergessen habe. Da waren Gesichter von Menschen, die ich einmal kannte und inzwischen aus den Augen verloren habe.
Das Seltsame war: Diese Bilder zeigten mein Leben, aber sie fühlten sich fremd an. Nicht falsch, nur fern. Als würde ich in das Tagebuch einer anderen Person schauen, einer Person, die mir ähnlich ist, aber nicht ganz ich.
Ich zeigte die Bilder meinem Mann. „Erinnerst du dich an den Abend?“
Er schaute auf das Foto mit der Geburtstagsfeier. „Irgendwas mit Stefan, glaube ich. Sein Dreißigster? Oder war das der von Anja?“
„Ich weiß es nicht mehr.“
„Aber wir waren da.“
„Offensichtlich.“
Er gab mir das Handy zurück. „Es ist komisch, oder? Wir leben diese Momente, und dann verschwinden sie einfach. Zumindest die meisten von ihnen.“
„Und was bleibt?“
„Die Geschichte, die wir uns erzählen. Nicht die Momente selbst.“
An diesem Abend, als wir im Bett lagen und das Licht schon aus war, nur der Straßenlärm drang gedämpft durch das Fenster, die gelegentlichen Scheinwerfer warfen Schatten an die Decke, sagte ich: „Ich glaube, ich verstehe jetzt, warum mich das Buch so beschäftigt hat. Das mit den Unterstreichungen.“
„Erzähl.“
„Es ist nicht das Vergessen an sich. Es ist die Erkenntnis, dass diese frühere Version von mir eine Fremde ist. Dass sie Dinge wusste, Dinge fühlte, die ich nicht mehr nachvollziehen kann. Dass sie in gewisser Weise nicht mehr existiert.“
Er schwieg einen Moment. „Und ist das schlimm?“
„Ich weiß nicht. Es ist… es fühlt sich an wie ein kleiner Verlust. Ein Abschiednehmen von jemandem, den ich einmal war.“
„Aber du bist immer noch da.“
„Ja. Nur anders. Immer wieder anders.“
Die Heizung klickte. Draußen fuhr ein Auto vorbei. Irgendwo bellte ein Hund.
„Du denkst zu viel nach“, sagte er dann, und ich konnte hören, dass er lächelte.
„Das sagst du oft.“
„Weil es stimmt.“
„Und wenn ich damit aufhöre – was bleibt dann?“
„Dann bist du einfach nur da. Im Moment. Ohne Geschichte, ohne Analyse, ohne dieses ständige Einordnen.“
„Und ist das besser?“
Er drehte sich zu mir. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen im Dunkeln, aber ich spürte seine Wärme. „Nicht besser. Nur anders. Beides gehört dazu, glaube ich. Das Nachdenken und das Einfach-da-Sein. Die Geschichte und der Moment dazwischen.“
Gestern habe ich das Buch noch einmal aufgeschlagen. Ich habe angefangen, es neu zu lesen, ohne Erwartung, ohne den Versuch, mich zu erinnern. Und es war merkwürdig: Manchmal stieß ich auf einen Satz, den ich vor Jahren unterstrichen hatte, und dachte: Ja, das verstehe ich. Das bedeutet mir etwas. Nicht weil ich mich an damals erinnerte, sondern weil es auch jetzt noch wichtig war.
Diese frühere Version von mir, die das Buch zum ersten Mal gelesen hat – sie hatte andere Fragen, andere Sorgen. Sie lebte in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort in ihrem Leben. Und doch haben wir dieselben Sätze markiert. Irgendwo berühren wir uns noch, über die Jahre hinweg.
Ich saß am Küchentisch, der Kaffee wurde langsam kalt, und mir wurde klar: Es geht nicht darum, sich an alles zu erinnern. Es geht auch nicht darum, eine kohärente Geschichte zu haben, in der alle Teile zusammenpassen. Es geht um diese Momente der Verbindung – zu anderen Menschen, aber auch zu den Menschen, die wir einmal waren.
Mein Mann kam herein, verschlafen noch, und goss sich Kaffee ein. Er schaute mich an, wie ich da saß mit dem Buch, und sagte nichts. Er musste auch nichts sagen. Es war einer dieser Momente, in denen das Schweigen reicht. In denen wir einfach nur da sind, zusammen, im selben Raum, im selben Moment.
Die Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen – sie sind nicht wahr oder falsch. Sie sind Versuche, Sinn zu machen aus dem, was passiert. Und manchmal, in den stillen Momenten dazwischen, wenn die Geschichte kurz verstummt, ist da etwas anderes. Etwas, das sich nicht erzählen lässt. Nur erleben.
Draußen regnete es. Das Wasser lief an den Fensterscheiben herunter, und ich schaute zu, wie die Tropfen sich vereinigten und wieder trennten. Mein Mann setzte sich neben mich. Wir sagten nichts. Und für diesen Moment war das genug.