
Gestern Abend kam ich nach Hause und da war er wieder – unser alter Bekannter auf der Kommode im Flur. Ein kleiner Turm aus Briefen, Werbeprospekten und diesem einen mysteriösen Päckchen, das Jan vor drei Tagen angenommen hat. „Was ist da drin?“, hab ich gefragt. „Keine Ahnung“, sagte er, „irgendwas von Amazon.“ Irgendwas. Von Amazon. Das fasst unser Verhältnis zu Online-Bestellungen ziemlich gut zusammen.
Der Poststapel. Bei uns ist das so ein Ding. Wie lange liegt der Brief vom Finanzamt jetzt schon da? Vier Tage? Fünf? Jan behauptet drei, aber ich schwöre, der war schon da, als ich am Montag von der Arbeit kam. Heute ist Freitag.
Die Wissenschaft hat übrigens einen Namen für unser Verhalten: „Task Aversion“ – die Vermeidung unangenehmer Aufgaben. Forscher der DePaul University haben herausgefunden, dass 20% aller Erwachsenen chronische Aufschieber sind. Bei Paaren potenziert sich das oft, weil jeder insgeheim hofft, der andere macht’s. Die Psychologen nennen das „Diffusion of Responsibility“ – Verantwortungsdiffusion. Klingt besser als „Wir sind beide zu faul“, oder?
Ich weiß noch genau, wie das bei uns angefangen hat. In unserer ersten gemeinsamen Wohnung – diese 55-Quadratmeter-Bude mit der Küche, in der man sich nicht zu zweit umdrehen konnte – da haben wir noch jeden Brief sofort geöffnet. War ja auch aufregend damals. Die erste gemeinsame Stromrechnung! Der erste Brief ans „Ehepaar Mueller“! Obwohl wir da noch gar nicht verheiratet waren. Der Briefträger war seiner Zeit voraus.
Jan hatte sogar so einen Ablagekorb gekauft. Aus Bambus, sehr öko, sehr durchdacht. „Eingang“ stand auf dem einen Fach, „Bearbeitung“ auf dem anderen, „Ablage“ auf dem dritten. Drei Wochen hat das System gehalten. Dann war „Eingang“ voll, „Bearbeitung“ leer, und in „Ablage“ lagen unsere Schlüssel, weil’s praktisch war.
Die moderne Verhaltensforschung weiß, dass neue Gewohnheiten etwa 66 Tage brauchen, um sich zu etablieren. Das hat Philippa Lally vom University College London 2009 in einer vielzitierten Studie nachgewiesen. 66 Tage! Wir haben’s nicht mal 66 Stunden geschafft.
Das Komische ist: In anderen Bereichen sind wir total organisiert. Jan hat eine Excel-Tabelle für unsere Finanzen, die aussieht wie das Cockpit eines Flugzeugs. Farbcodiert, mit Formeln, die ich nicht verstehe. Jeden ersten Sonntag im Monat setzt er sich hin und trägt alles ein. „Das gibt mir Kontrolle“, sagt er. Aber die Post? Die liegt erstmal.
Unsere Kommode – dieses Erbstück von Jans Oma, dunkelbraun, mit diesen geschnitzten Blumen an den Ecken – ist zum Bermudadreieck unserer Wohnung geworden. Alles landet dort. Post, Schlüssel, Kleingeld, Kugelschreiber, die nicht mehr schreiben, Batterien, von denen keiner weiß, ob sie noch voll sind. Letztens hab ich dort einen Gutschein fürs Kino gefunden. Abgelaufen seit 2019.
Die Japaner haben übrigens ein interessantes Konzept: „Tsundoku“ – das Anhäufen von Lesematerial, das man nie liest. Bei uns ist es „Postsundoku“. Wir häufen Briefe an, die wir nie öffnen. Na ja, „nie“ stimmt nicht. Irgendwann öffnen wir sie. Meist kurz vor knapp.
Wie damals mit der Hochzeitseinladung von Jans Cousine. Lag drei Wochen unter einem Stapel Werbung. Als wir sie endlich öffneten, war die Zusagefrist vorbei. Jan musste anrufen und so tun, als hätte die Post uns nie erreicht. „Sehr seltsam“, sagte seine Cousine, „alle anderen haben sie bekommen.“ Schweigen am anderen Ende. Sie wusste es. Wir wussten, dass sie es wusste. Ein Moment perfekter, peinlicher Klarheit.
Die Soziologin Juliet Schor vom Boston College hat mal untersucht, wie sich unser Verhältnis zur Post in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Früher war Post ein Event. Man wartete darauf. Heute? Heute ist 90% Werbung oder Rechnungen. Kein Wunder, dass unser Gehirn gelernt hat, Post mit „unangenehm“ zu assoziieren.
Meine Mutter versteht das alles nicht. „Ihr seid doch erwachsen!“, sagt sie jedes Mal, wenn sie zu Besuch kommt und unseren Stapel sieht. Dann nimmt sie demonstrativ die obersten drei Briefe und legt sie auf den Küchentisch. „Damit ihr das nicht vergesst.“ Als ob der Ort das Problem wäre.
Bei meinen Eltern wurde Post noch am selben Tag geöffnet. Mein Vater hatte sogar so einen speziellen Brieföffner, Messing, mit seinem Initialen drauf. Den hat er immer benutzt, fast zeremoniell. Aufschlitzen, rausziehen, lesen, abheften. Ein Ritual. Bei uns? Bei uns reißt Jan die Briefe mit dem Finger auf, meist so ungeschickt, dass der Inhalt auch zerreißt. „Ups“, sagt er dann. Jedes Mal.
Die Digitalisierung sollte alles einfacher machen, oder? Weniger Papier, mehr E-Mails. Aber irgendwie hat das unser Problem nur verschoben. Jetzt haben wir einen Poststapel im Flur UND 3.847 ungelesene E-Mails. Jan sagt, das meiste sei eh Newsletter. Stimmt wahrscheinlich. Aber dazwischen? Wer weiß. Vielleicht haben wir den Lotto-Jackpot gewonnen und wissen es nicht.
Ein Behavioral Economist würde sagen, wir leiden unter „Choice Overload“ – zu viele Entscheidungen paralysieren uns. Jeder Brief ist eine Entscheidung: Öffnen oder nicht? Jetzt oder später? Wichtig oder unwichtig? Das Gehirn macht irgendwann dicht und wählt die Default-Option: liegenlassen.
Neulich hab ich einen Artikel gelesen – ironischerweise in einer Zeitschrift, die zwei Wochen auf unserem Stapel lag – über die „2-Minuten-Regel“ von David Allen. Alles, was weniger als zwei Minuten dauert, sofort erledigen. Klingt super. Hab ich Jan erzählt. Er hat gelacht. „Einen Brief öffnen dauert keine zwei Minuten“, sagte er. „Aber dann muss man ja auch noch reagieren.“ Guter Punkt.
Wir hatten mal eine Phase, da haben wir uns gegenseitig die Schuld gegeben. „Du warst doch am Briefkasten!“ – „Ja, aber du hast gesagt, du kümmerst dich!“ Diese Diskussionen. Wegen Papier in Umschlägen. Irgendwann hat Jan gesagt: „Weißt du was? Wir sind beide gleich schlimm.“ Seitdem ist es unser gemeinsames Versagen. Irgendwie romantisch.
Die Wahrheit ist: 80% der Post ist unwichtig. Das hat mal eine Studie der Direct Marketing Association ergeben. Werbung, Angebote, Spendenaufrufe. Aber die anderen 20%? Die können kritisch sein. Mahnungen, Fristen, Einladungen. Das Problem: Man weiß erst, was was ist, wenn man’s öffnet. Schrödingers Brief sozusagen.
Unser System – falls man es so nennen kann – funktioniert trotzdem irgendwie. Wir haben einen sechsten Sinn für wirklich wichtige Post entwickelt. Amtsbriefe erkennt Jan am Umschlag. „Der muss diese Woche“, sagt er dann. Seine Stimme wird ernst. Meistens schaffen wir’s auch. Sonntagabend, 22 Uhr, Rotwein auf dem Tisch, Formular vor uns. „Warum machen wir das immer auf den letzten Drücker?“, frage ich. „Funktioniert doch“, sagt Jan.
Rechnungen wandern bei uns übrigens in die Küche. Keine Ahnung, wann sich das etabliert hat. Sie sammeln sich neben der Kaffeemaschine, wie Brieftauben auf einem Dach. Einmal im Monat kriegt einer von uns ein schlechtes Gewissen – meistens ich – und dann setzen wir uns hin. Jan holt seinen Laptop, ich sortiere die Papiere. „Schon wieder Stadtwerke!“, ruft er. „Die waren doch letzen Monat schon dran!“ Wir machen Witze, damit es erträglicher wird.
Die Anthropologin Helen Fisher hat mal gesagt, dass gemeinsame Rituale Paare zusammenschweißen. Auch die unperfekten. Vielleicht ist unser Post-Chaos so ein Ritual. Unser gemeinsames Projekt des Scheiterns.
Letzte Woche kam mein Bruder vorbei. Er sah den Stapel und grinste. „Ihr habt auch eine Postsammelstelle!“ Auch! Es gibt andere wie uns! Bei ihm landet die Post auf der Mikrowelle. „Da nervt sie wenigstens“, sagt er. Als ob das hilft.
Es gab mal den Versuch einer radikalen Lösung. Jan hatte die Idee, einfach alles sofort wegzuwerfen, was wie Werbung aussieht. „Brutal aussortieren“, nannte er das. Hat genau einmal funktioniert. Dann haben wir aus Versehen einen Gutschein über 50 Euro weggeworfen. Den hab ich zwei Tage später aus Neugier aus dem Müll gefischt. Seitdem wird nichts mehr ungeöffnet weggeworfen.
Die Konsumforschung zeigt übrigens, dass Deutsche im Schnitt 33 Kilogramm Werbepost pro Jahr bekommen. 33 Kilo! Das ist mehr als unser Hund wiegt. Kein Wunder, dass wir kapitulieren.
Manchmal stelle ich mir vor, wie das bei anderen läuft. Gibt’s wirklich Paare, die sich abends hinsetzen und gemeinsam die Post durchgehen? „Oh, schau mal, Schatz, die Gasrechnung!“ – „Wie aufregend, lass uns die sofort überweisen!“ Märchen. Das sind Märchen.
Die Psychologin Gretchen Rubin hat vier Persönlichkeitstypen identifiziert, was Gewohnheiten angeht: Upholder, Questioner, Obliger und Rebel. Jan und ich sind definitiv Rebels. Wir widersetzen uns äußeren UND inneren Erwartungen. Selbst unseren eigenen. „Heute räumen wir auf“, sagen wir. Und dann: Netflix.
Vor zwei Monaten hatte ich einen Geistesblitz. Was, wenn wir die Post einfach digitalisieren? Es gibt doch diese Apps! Hab eine runtergeladen, Jan musste mir helfen, sie einzurichten. Zwei Briefe haben wir gescannt. Dann lag das Handy auf der Kommode. Neben der Post. Die Ironie war uns beiden bewusst, aber keiner hat was gesagt.
Das Verrückte: Wir verpassen eigentlich nie was wirklich Wichtiges. Irgendwie kriegen wir immer die Kurve. Letzter Drücker ist unser zweiter Vorname, aber es klappt. Die Psychologie nennt das „Parkinson’s Law“ – Arbeit dehnt sich genau so aus, wie Zeit dafür zur Verfügung steht. Bei uns steht wenig Zeit zur Verfügung. Also geht’s schnell.
Unser Freund Tom, der Superorganisierte, der seine Socken nach Farben sortiert, hat mal gesagt: „Ihr lebt gefährlich.“ Vielleicht. Aber wir leben. Während Tom seine Post sofort abheftet, sitzen wir auf dem Sofa und reden. Während er Ordner beschriftet, kochen wir zusammen. Prioritäten, ne?
Die Forschung zeigt übrigens, dass moderate Unordnung die Kreativität fördern kann. Kathleen Vohs von der University of Minnesota hat das 2013 nachgewiesen. Zu viel Ordnung macht konformistisch. Vielleicht ist unser Chaos also ein Feature, kein Bug.
Gestern hab ich was Lustiges entdeckt. In der untersten Schicht unseres Stapels lag eine Karte. „Frohe Weihnachten“, stand drauf. Von 2022. Ich hab sie Jan gezeigt. Er hat so gelacht, dass er fast seinen Kaffee verschüttet hätte. „Besser spät als nie“, sagte er. Wir haben die Karte aufgehängt. An den Kühlschrank. Im Juni. Weil wir können.
Wisst ihr, was ich glaube? Unser Poststapel ist eine Metapher. Für all das, was wir im Leben aufschieben. Die großen Entscheidungen, die schwierigen Gespräche, die unbequemen Wahrheiten. Alles liegt erstmal auf der Kommode. Bis wir bereit sind. Oder bis es brennt. Je nachdem, was zuerst kommt.
Die Verhaltensökonomin Dilip Soman von der University of Toronto sagt, Menschen sind „Cognitive Misers“ – kognitive Geizhälse. Wir sparen mentale Energie, wo wir können. Post öffnen kostet mentale Energie. Also sparen wir sie uns. Für wichtigere Dinge. Wie die Diskussion, welche Serie wir als nächstes schauen.
Manchmal, wenn ich nachts nicht schlafen kann, denke ich an all die ungeöffneten Briefe der Welt. Millionen von Stapeln auf Millionen von Kommoden. Ein kollektives Aufschieben der Menschheit. Tröstlich irgendwie.
Jan sagt, wir sollten das als Performance-Kunst verkaufen. „Die Poststapel-Installation. Eine Meditation über Zeit und Vergänglichkeit.“ Ich sage, wir sollten einfach mal aufräumen. Wir einigen uns auf: morgen. Unser Lieblingswort.
Die Wahrheit ist: Ich mag unser Chaos irgendwie. Es ist unser Chaos. Unsere gemeinsame Unfähigkeit. In einer Welt, die immer perfekter werden will, sind wir herrlich unperfekt. Marie Kondo würde weinen, wenn sie unseren Flur sähe. Aber Marie Kondo muss ja auch nicht mit uns leben.
Heute Morgen kam wieder Post. Drei Briefe, ein Päckchen, fünf Werbeprospekte. Ich hab alles auf die Kommode gelegt. Zu dem Rest. Jan kam aus der Küche, sah den neuen Stapel und sagte: „Wird Zeit, dass wir mal…“ – „Ja“, sagte ich. „Morgen?“ – „Morgen.“
Wir haben uns angelächelt. Dieses Lächeln von Menschen, die sich kennen. Die ihre Macken kennen. Die wissen, dass „morgen“ eine Lüge ist, aber eine, mit der beide leben können.
Der Stapel wächst. Wir auch. Nur langsamer.